Journalist:innen leiden unter einer besonderen Déformation professionnelle, einer beruflich bedingten Einschränkung. Sie neigen zum Zynismus, je länger sie über ein Thema berichten. Besonders ausgeprägt kann das unter langjährigen Politikberichterstatter:innen sein. Irgendwie nachvollziehbar: Wer seit zwanzig oder mehr Jahren über Bildungs- oder Gesundheitspolitik berichtet, geschweige denn über Verfassungs- und Staatsreformen, hat das Gefühl, in einer Zeitkapsel gefangen zu sein.
Kaum etwas verändert sich. Hab ich den Kommentar, dass die Landesfürst:innen schon wieder eine sinnvolle, über ihre jeweiligen Landesgrenzen hinausblickende Krankenhausstandortstrategie blockiert haben, nicht schon 2016 geschrieben? Und habe ich gefühlt nicht schon mehr als zehn Mal zu Papier gebracht, dass in Österreich Jugendliche viel zu früh in „Gymnasial“- und „Mittelschul“-Kinder getrennt werden und wir eigentlich eine gemeinsame Schule für alle bis zum 14. Lebensjahr bräuchten?
Oder dass der Föderalismus, so wie ihn die Verfassung vorsieht, gar nicht das Problem ist, sehr wohl aber eine Landeshauptleutekonferenz? Eine informelle Nebenregierung, bestehend aus den neun Landeschef:innen, die nirgendwo rechtlich verankert ist, sich aber so gut inszeniert und so geschickt aufgestellt hat, dass sie de facto alles blockieren kann? Irgendeine Landtagswahl steht immer bevor. Mein Prestigeprojekt muss bleiben!
Das wieder einzuhegen, braucht viel Geduld – und einen prozessorientierten Ansatz. Die Dreierkoalition hat das erkannt und für ihre Strukturreform alle „Stakeholder“, wie man das im Beratersprech so schön nennt, eingefangen und zur Kooperation gezwungen. Dafür leistete sich Kanzler Christian Stocker sogar eine eigene Stabstelle, geleitet von Markus Gstöttner, einst im Kabinett von Ex-Kanzler Sebastian Kurz, von seiner Ausbildung her McKinseyaner. Gstöttner tat nichts anderes, als alle im Dialog zu halten und immer wieder nachzuhaken, wo der „Prozess“ gerade steht. Selbst wenn wir nicht weiterkommen, erinnern uns diese bisweilen nervigen, agilen Projektmanager:innen daran, dass wir nicht stehen bleiben dürfen.
So gesehen ist das Reformpaket, das die Dreierkoalition last minute vor der Sommerpause des Parlaments verkündet hat, keine Revolution, aber ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wenn Schulen nicht mehr mit vier, sondern nur mehr mit einer Stelle (ihrer Bildungsdirektion) kommunizieren müssen, um Schulpersonal anzustellen, hilft das. Genauso wie wenn Regionalkrankenhäuser schrittweise in Facharztzentren umgewandelt werden und dazu noch viel mehr Gemeinschaftspraxen auch am Land entstehen.
Diese Regierung schraubt an vielen Stellen herum, und sie macht das besser als ihr Ruf. Was mich zurück zum Zynismus bringt: Natürlich kann man so wie der Boulevard zum Parlamentsschluss Schulnoten mit lauter Vierern und Fünfern für die Minister:innen vergeben und sich in Leitartikeln über die Unfähigkeit der politischen Elite lustig machen. Das ist journalistisch immer am einfachsten. Aber es hilft nur der FPÖ, die erst gar nicht in die Verlegenheit kommt, erklären zu müssen, wie sie es besser machen würde.
Genießen Sie den Abend!