Vermissen Sie die Wiener Zeitung als gedrucktes Blatt? Folgen Sie ihrem Nachfolgeprodukt, der WZ.at, online oder auf Instagram? Manches, was das junge Team in Social Media an digitalem Journalismus produziert, ist lesens- und sehenswert. Etwa die zweisprachigen Dokus von Sandra Vučić aus Serbien und Aleksandra Tulejs Reportagen aus Nahost. Oder Eva Sagers Machtmissbrauchs-Berichterstattung, für die sie gerade die silberne Medienlöwin bekommen hat.
Ich finde trotzdem, dass Journalismus, der direkt vom Bundeskanzleramt finanziert wird, wie WZ.at, von gestern ist. Wer das anders sieht, findet im aktuellen Rechnungshofbericht über die Geschäftspraktiken der Wiener Zeitung in den Jahren 2020 bis 2024 viel Stoff zum Nachdenken.
Wir spulen kurz zurück: 2019 regierte Sebastian Kurz (ÖVP) mit den Grünen. Die Koalition beschließt unter massiven Protesten, die gedruckte Wiener Zeitung einzustellen und zu digitalisieren. Was dann passiert, lässt sich so zusammenfassen: Die Führungs-Crew der Wiener Zeitung hat zwar keinen Plan, wie man digitalen Journalismus macht, will es aber trotzdem versuchen. Was man nicht selber kann, kauft man teuer zu. Damit macht man sich zwar von externen Dienstleistern abhängig, aber egal.
Es macht doch so viel Spaß, so zu tun, als wäre man ein super innovativer, digitaler Medienkonzern! Deshalb holt man sich auch C-Level-Manager ins Haus, so als wäre man ein echt großes Unternehmen. Damit bei den vielen Sitzungen möglichst viele Menschen (Männer) am Tisch sitzen, die sich gegenseitig berichten, was sie nicht wieder auf den Weg gebracht haben. Über die eigenen Erfolgsprojekte lässt sich auch super auf internationalen Medienkonferenzen referieren. Dass dahinter erheblicher Werbeaufwand steckt, dass das alles auf Kosten der Steuerzahler, mit garantierten Budgets und ohne unternehmerisches Risiko passiert? Muss man ja nicht groß mit erzählen.
Es ist schon ein gigantisches potemkinsches Medien-Dorf, das sich ein ÖVP-naher Geschäftsführer und seine Clique mit Duldung der Grünen schaffen konnte. Was der Rechnungshof an Selbstbedienung und Selbstbeschäftigung offenbart, ist umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, was andere Journalistinnen und Journalisten am freien Markt mit dem vielen Steuergeld tatsächlich an gutem Journalismus hätten machen können.
Nur ein paar Beispiele, die der Rechnungshof kritisiert: Ex-WZ-Geschäftsführer Martin Fleischhacker erhielt Prämien für Ziele, die ohnehin Teil seines Jobs waren. Zum Beispiel musste er das Budget einhalten. Gratulation. Die beiden Prokuristen Martin Mair und Markus Graf, auf deren Visitenkarten Chief Information Officer und Chief Commercial Officer standen, verdienten dank ebenfalls ungerechtfertigter Prämien nur unwesentlich weniger. Sie alle wurden laut Rechnungshof wie Sektionschefs bezahlt – also mit rund 14.600 Euro brutto pro Monat.
Prokurist Mair war sowohl Gesellschafter als auch Geschäftsführer eines IT-Unternehmens, das Geschäfte mit der Wiener Zeitung machte. Eine weitere Nebenbeschäftigung als Unternehmensberater meldete er nicht.
Dieser aufgeblähten Führungsebene entging, dass die Personalverrechnung über Jahre nicht korrekt funktionierte. 280.000 kostet es, das System mithilfe einer externen Firma zu reparieren, 1,1 Millionen Euro an Gehältern mussten nachgezahlt werden. Mangels Know-How im Unternehmen wurden 3,65 Millionen für externe juristische Beratung ausgegeben.
Um ihre Vision von digitalem Journalismus zu verwirklichen, gab die Wiener Zeitung für Videoproduktionen 2023 und 2024 exakt 2,24 Millionen Euro aus. Davon profitierte vor allem die Digitalagentur Hashtag Media, die für die Wiener Zeitung bis 2025 Videoformate produziert. „Die fortdauernde Beauftragung eines externen Dienstleisters führte zu einer starken Abhängigkeit der Wiener Zeitung GmbH; von März bis Juni 2024 hielt sie vergaberechtliche Bestimmungen nicht ein“, urteilt der Rechnungshof.
Um ihren Journalismus zu bewerben, gab die Wiener Zeitung von Mitte 2023 bis Mitte 2025 820.000 Euro für Werbung in Sozialen Medien aus, davon gingen 87 Prozent (rund 720.000 Euro) an Tech-Plattformen wie Meta und Google.
Die, die jetzt in der Kritik stehen, sind alle schon weg: Ex-Geschäftsführer Fleischhacker will gemeinsam mit Exxpress-Gesellschafter Alexander Schütz einen Wirtschaftsnachrichtendienst aufbauen. Auch die unter Fleischhacker bestellte Chefredakteurin Katharina Schmidt hat sich verabschiedet. Ex-Prokurist Martin Mair ist seit Oktober 2026 Bereichsleiter der IT und Digitalisierung im Umweltbundesamt. Ihre C-Level-Jobs wurden gestrichen. Der neue Geschäftsführer Simon Kravagna soll jetzt aufräumen – und eine Vision für die WZ.at entwickeln.
Vielleicht braucht es die gar nicht. Der Rechnungshof empfiehlt der Regierung - konkret Noch-Medienminister Andreas Babler (SPÖ) - nämlich durch die Blume, die WZ.at als journalistisches Unternehmen einzustampfen. Inklusive der diversen Start-up- und Journalistenausbildungsprogramme, die dort noch stattfinden. Wenn man Österreichs Medienförderung neu aufsetzt, so wie es Babler will, gibt es für dieses journalistische potemkinsches Medien-Dorf, sponsored by Kanzleramt, am Ende keinen Bedarf mehr.