✍Ein Konsens geht um in Europa: Der Kontinent muss sein sicherheitspolitisches Schlaucherltum überwinden und seine Wehrhaftigkeit endlich unter Beweis stellen. Er kann und darf sich nicht länger auf die USA als Schutzmacht und Weltpolizisten verlassen. Und Österreich muss endlich aufhören, sich auf seiner Lebenslüge der immerwährenden Neutralität auszuruhen. Solche Appelle wären ich in meiner Schul- und Studienzeit –…
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Guten Abend Birgit Kellner!
Ensemble „Lysistrata"
Lysistrata (Mavie Hörbiger, 4. v. l. u. r.) zettelt einen Sex-Streik an, um die Männer vom Kriegführen abzubringen (Foto: Tommy Hetzel)

Ein Konsens geht um in Europa: Der Kontinent muss sein sicherheitspolitisches Schlaucherltum überwinden und seine Wehrhaftigkeit endlich unter Beweis stellen. Er kann und darf sich nicht länger auf die USA als Schutzmacht und Weltpolizisten verlassen. Und Österreich muss endlich aufhören, sich auf seiner Lebenslüge der immerwährenden Neutralität auszuruhen.

Solche Appelle wären ich in meiner Schul- und Studienzeit – ich spreche von den 1970er- und 1980er-Jahren – gewiss als bellizistische Rhetorik aus dem politisch rechten Eck entlarvt und zurückgewiesen worden. Heute finden sie Aufnahme im Repertoire des linksliberalen Mainstream, ohne dass jemand das für einen Widerspruch hielte oder noch widersprechen wollte.

Auch mein geschätzter Kollege Martin Staudinger hat erst unlängst in seinem Falter-Leitartikel die Neutralität als „Schlafmittel der Wahl" bezeichnet, auf das wir Österreicher immer dann zurückgreifen, wenn es darum geht, die Augen vor dem Unheil anderer zu verschließen. Auf den von Russland begonnen und seit über vier Jahren mit erbitterter Härte gegenüber der Zivilbevölkerung geführten „Ukrainekrieg" reagieren wir dann mit „einer Mischung aus Angst, Verdrängung, Opportunismus, Ignoranz und Besserwisserei". So sind wir eben, schließt Staudinger und beruft sich auf den Befund des Psychiaters Erwin Ringel (1921–1994), der in seinem eben so betitelten Werk von 1984 „Die österreichische Seele" irgendwo „zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, Devotheit und aufgestauter Aggression" verortet hat.

Ich muss gestehen, dass mich dergleichen Appelle und Analysen mit einem Unbehagen erfüllen und möchte versuchen, die Quellen zu benennen, aus denen sich dieses speist. Ich habe mich als Schüler für den Zivildienst gemeldet, der 1975 in Form des Wehrersatzdienstes eingeführt worden war. Ich musste meine Entscheidung noch vor einer Kommission argumentieren, die darüber zu befinden hatte, ob die von mir vorgebrachten „Gewissensgründe" überhaupt glaubhaft waren – andernfalls ich zur Ableistung des Zivildienstes gar nicht berechtigt gewesen wäre und den Dienst mit der Waffe beim Heer leisten hätte müssen.

Zum Standardset der Gewissensüberprüfung zählten etwa die aufschlussreichen Fragen, ob man von einer Waffe Gebrauch machen würde, um jemanden an der Vergewaltigung der eigenen Freundin zu hindern oder ob man ausschließen könne, jemals Suizid zu begehen. Ehrlicher Trottel, der ich war, verneinte ich letztere und fiel im ersten Anlauf prompt durch. Vermutlich war dem bornierten Verhörgremium der altkluge Gymnasiast, der den schriftlichen Antrag, den er stellen musste, mit pazifistischen Bonmots und Zitaten des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung gespickt hatte, einfach auf die Nerven gegangen. Bei der Wiederholungsprüfung schlug ich mich offenbar passabel und wurde zugelassen.

Bis auf mich und meinen besten Freund hatten sich alle uns näherstehende Klassenkollegen als einjährig Freiwillige zum Heer gemeldet. Unsere Zusammenkünfte nach der bestandenen Matura gerieten zu Therapiesitzungen, in denen die psychischen Folgeschäden militärischer Menschenführung aufgearbeitet wurden, die auch als „Disziplin" bekannt ist und die insbesondere von notorischen Tunichtguten geschätzt wird, die bewundernd-verwundert feststellen, dass man dergleichen ja sogar Typen wie ihnen beibringen kann. Keiner meiner ehemaligen Schulkameraden hat übrigens durchgehalten und das vorgesehene Jahr tatsächlich abgedient.

In Deutschland fanden dieser Tage Schülerstreiks satt, bei denen mit Slogans wie „Sterben steht nicht auf dem Stundenplan" gegen eine etwaige Wiedereinführung der Wehrpflicht protestiert wurde. „Aus Angst, Verdrängung, Opportunismus, Ignoranz und Besserwisserei"? Aus Angst ganz gewiss, und ich mir scheint diese Angst nicht nur nachvollziehbar, sondern auch absolut legitim. Ich finde nämlich, dass alle Weltanschauungen – seien sie religiöser oder säkularer Natur (die Grenzen sind ohnedies fließend) –, die bereit sind oder gar fordern, die nackte Existenz und die physische sowie psychische Integrität der Individuen irgendwelchen höheren Zwecken und Zielen zu opfern, unser grundsätzliches Misstrauen verdienen.

Die Überzeugung, „dass Grausamkeit das schlimmste ist, dessen wir fähig sind" – so sah es der linksliberale US-amerikanische Philosoph Richard Rorty –, bildet die Grundlage des Liberalismus. Man könnte meines Erachtens auch von „Humanismus" sprechen, aber der Begriff war dem Weichensteller des „linguistic turn" möglicherweise zu anthropozentrisch. Wie auch immer. Der Liberalismus, wie ihn Rorty versteht, ist das einzig verlässliche Bollwerk wider den Totalitarismus, der mit der zynischen Einsicht „Wo gehobelt wird, fallen Späne", der Grausamkeit in vielfältigster und phantasievollster Ausgestaltung Tür und Tor öffnet.

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf („homo hominis lupus"), also von Natur aus grausam sei, war die Überzeugung von Thomas Hobbes. Mit seinem 1651 erschienen Traktat „Leviathan" avancierte er zum Begründer der neuzeitlichen Staatstheorie. Geschrieben unter dem Eindruck des englischen Bürgerkrieges, der geschätzten 200.000 Menschen das Leben kostete, konzipiert Hobbes den Staat in Analogie zum titelgebenden Seeungeheuer als allmächtiges Wesen, bloß dass sich die staatsbürgerlichen Subjekte in einem Gesellschaftsvertrag dieser Autorität freiwillig unterwerfen. Individuelle Freiheiten werden aufgegeben, alle Macht wird an den Souverän delegiert, damit dieser die Egoismen radikaler Eigeninteressen einhegen, den Rückfall in einen Naturzustand eines Krieges jedes gegen jeden („bellum omnium contra omnes") verhindern und den Frieden garantieren möge.

Sinnreich ins Bild gesetzt wird dieses Konzept vom berühmten Frontispiz des „Leviathan", die einen mit Schwert und Krummstab, den Insignien weltlicher und geistlicher Macht, ausgestatteten Herrscher zeigt, dessen Leib sich aus den Körpern der Untertanen zusammensetzt. In ihrem Kommentar zu den „Lektionen aus Minnesota" hat Isolde Charim Hobbes zwar als „Urvater des autoritären Staates" identifiziert, aber dem besagten Bild auch konzediert, gegen die Hypostasierung der Herrscherfigur à la Trump eine Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, nämlich: „Stärke und Fülle jedes Souveräns beruhen auf den vielen Individuen, den vielen Körpern, die ihn bilden".

Mir scheint diese Auslegung zu affirmativ und blauäugig, eskamotiert sie doch die finstere Seite des Gesellschaftsvertrags: die Einverleibung der Untertanen durch den Souverän. In letzter Konsequenz hat der Staat immer Zugriff auf Leib und Leben der staatsbürgerlichen Subjekte: Er kann sie wegweisen, einsperren, in den Krieg schicken. Ich bin kein Anti-Etatist und ein deklarierter Gegner der rechten „Scheiß-auf-den-Planeten-Gib-Gummi!"-Libertären. Aber ich halte den Umstand, dass es einer Autorität gestattet wird, junge Menschen in den Tod auf dem Schlachtfeld zu schicken für einen Skandal und eine Perversion, die bekämpft gehören und nicht indolent abgenickt werden sollte.

In der Fiktion des antiken Dichters Aristophanes regt sich zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen diese Zumutung. Die Titelheldin der Komödie „Lysistrata", die aktuell am Spielplan des Burgtheaters steht, stachelt die Frauen aus den feindlichen Lagern von Sparta und Athen dazu auf, gemeinsame Sachen zu machen und sich ihren Männern sexuell zu verweigern, solange diese gegeneinander Krieg führen.

In der Realität hat ein solches Embargo meines Wissens nie stattgefunden. Warum eigentlich nicht? Wobei ich die Friedensarbeit keineswegs auf die Frauen abgewälzt wissen möchte. „Unsere Erziehung beginnt in der Wiege", schreibt Albert Einstein in seinem Plädoyer „Für einen militanten Pazifismus", und setzt fort: „Die Mütter der ganzen Welt haben die Verantwortung, ihre Kinder im Sinne der Friedenserhaltung zu erziehen". Da kann man nur ergänzen: Väter, ihr seid mitgemeint! Zu dieser Erziehung mag es gerade gehören, dass deutsche Eltern ihre Kinder zum Schulstangeln anstiften, um auf die Anti-Wehrdienstdemos zu gehen, auch wenn dieses „Fehlverhalten" als unentschuldigte Fehlstunden im Zeugnis verbucht wird. Ob eine Entschuldigung der Eltern in diesem Falle akzeptiert würde – „unser Sohn konnte gestern leider nicht zum Unterricht kommen, weil er auf die Anti-Wehrpflicht-Demo musste" –, weiß ich nicht.

In dem berühmten Briefwechsel mit Sigmund Freud aus dem Sommer/Herbst 1932, der unter dem Titel „Warum Krieg?" publiziert wurde, stellt Einstein sich/Freud die Frage, wie es möglich sei, dass eine Minderheit von Kriegsprofiteuren „die Masse des Volkes ihren Gelüsten dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu verlieren hat"? „Die Minderheit der jeweils Herrschenden", so lautet Einsteins Antwort, „hat vor allem die Schule, die Presse und meistens auch die religiösen Organisationen in der Hand. Durch diese Mittel beherrscht und leitet sie sie die Gefühle der großen Massen und macht diese zu ihren willenlosen Werkzeugen."

Es scheint so, als hätte Einstein in dieser Passage ein Konzept des französischen Marxisten Louis Althusser um mehr als dreißig Jahre vorweggenommen. Althusser prägte den Begriff der Ideologischen Staatsapparate (ISA), zu denen er Kirche, Schule und Familie zählte und die er vom Repressiven Staatsapparat (RSA) (Militär, Polizei et al) unterschied. Allerdings ist damit noch nicht geklärt, wie es möglich ist, „dass sich die Masse durch die genannten Mittel bis zur Raserei und Selbstaufopferung entflammen lässt?"

Die Antwort, die sich Einstein auf diese Frage selbst gibt, fällt nicht weniger ernüchternd aus als diejenige Sigmund Freuds, der bekanntlich einen Todestrieb postulierte und in seiner Auffassung der menschlichen Natur von ähnlich pessimistischen Prämissen ausging wie Thomas Hobbes. Denn auch der dem frohsinnigen Schabernack nicht abgeneigte Vater der Relativitätstheorie befand: „Im Menschen lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten."

Wenn dieser dunkle Trieb also tatsächlich in unserer Menschennatur verankert ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit Kultur dagegen anzukämpfen und Institutionen, Praktiken, Selbsttechniken, Umgangs- und Protestformen zu ersinnen, die den Frieden wahrscheinlicher machen. Über diese sollten wir vielleicht etwas intensiver nachdenken als über die Verlängerung des Wehrdienstes oder die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Bild von Klaus Nüchtern
Ihr Klaus Nüchtern

Heute für Sie auf falter.at:

Im Österreichischen Rundfunk geht es wieder einmal rund: Wenige Wochen vor der Neuwahl der ORF-Führung musste Generaldirektor Roland Weißmann den Hut nehmen, weil ihm eine Mitarbeiterin sexuelle Belästigung vorwirft. Jetzt herrscht auf dem Küniglberg Chaos. Und das spielt der FPÖ in die Hände. Nina Horaczek und Barbara Tóth kennen die Hintergründe und haben eine umfassende Covergeschichte darüber geschrieben, Armin Thurnher steuert ein „Seinesgleichen geschieht“ bei.

Wenn wir an die iranische Bevölkerung denken, haben wir immer die Opfer und Gegner des Regimes vor Augen. Und übersehen, dass die Mullahs unzählige Anhänger haben – auch in Wien. Lukas Matzinger hat eine Feierlichkeit in Floridsdorf besucht, bei der um die tausend Menschen unter Tränen um den getöteten Tyrannen Ayatollah Ali Chamenei trauerten. Und bekam zum Schluss auch noch eine Belehrung durch Irans obersten Mullah in Österreich.

Am Montagabend ging in der Wiener Staatsoper ein lang erwartetes Ereignis über die Bühne: Die Premiere der Neuinszenierung von Mozarts „La clemenza di Tito“. Unsere Opern-Kritikerin Miriam Damev saß im Publikum und war begeistert. Warum, das beschreibt sie in ihrer Nachtkritik.

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TO A LAND UNKNOWN

Im Schatten der Tourist*innenstadt Athen schlagen sich die palästinensischen Cousins Reda und Chatila durchs Leben. Ohne Papiere, ohne Perspektive, aber mit dem Traum von einem Neuanfang. Zwischen Freundschaft, Loyalität und wachsender Verzweiflung geraten sie immer tiefer in riskante Entscheidungen.

Ein intensives Drama über Flucht, Hoffnung – und die Frage, wie viel Menschlichkeit ein Leben im Ausnahmezustand zulässt.

Ab 13.3. im Kino!


Give Peace a Chance

Nein, nicht nur immer der in den Fuzos dieser Welt totgeschraddelte Nickelbrillenposer John Lennon. Der schönste, berührendste, erschütterndste Anti-War-Song stammt aus der Feder des im manichäischen Beatles/Stones-Universum notorisch unterschätzten Kinks-Songschmieds Ray Davies. „Some Mother’s Son" findet sich auf dem Meisterwerk „ Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)" von 1969, schwelgt nicht in Peacenik-Selbstergriffenheit, sondern benennt das banale Faktum sinnlosen Sterbens, das in krudem Kontrast zur betörenden Melodie steht: „Some mother's son lies in a field / Someone has killed some mother's son today / Head blown up by some soldier's gun / While all the mothers stand and wait / Some mother's son ain't coming home today / Some mothers son ain't got no grave."


Give Peace a Piano

Es geht auch ganz ohne Text. Die Friedensbotschaft, die US-Pianist Bill Evans seinen Tasten entlockt, kann man auch vernehmen, ohne den programmatischen Titel „Peace Piece" zu kennen. Ich bin schon gespannt, ob es das Bio-Pic „Everybody Digs Bill Evans", das unlängst im Wettbewerb der Berlinale lief, in die heimischen Kinos schaffen wird.


Books for Peace I

George Orwell gehört zu den wenigen wahrhaft integren Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, die der totalitaristischen Versuchung widerstanden haben. Gegen die Tendenz, ihn als ästhetisch zweitrangigen Romancier zu verachten, der mit „Animal Farm" und „1984" schlicht „aktuellen Schund" (Vladimir Nabokov) verfasst hätte, schreibt der oben zitierte Richard Rorty im Kapitel über George Orwell und die Grausamkeit an, das sich in Rortys Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität" findet.


Books for Peace II

Die Gelegenheit, George Orwell als Verfasser von Non-Fiction kennenzulernen, ist gerade günstig, denn soeben ist der Sammelband „Zeilen zur Zeit" erschienen, der eine Auswahl von erstmals ins Deutsche übersetzten Kolumnen enthält, die Orwell in den Jahren 1943 bis 1947 für die linke Wochenzeitschrift Tribune geschrieben hat.


A Film for Peace

Okay, den hinreißenden Film „Pride" (2014) habe ich den Leserinnen und Lesern an dieser Stelle schon mehrfach aufs Auge zu drücken versucht. Es ist kein Antikriegsfilm im herkömmlichen Sinne, aber er handelt von einer jener Praktiken, die helfen, den (sozialen) Frieden herzustellen und zu sichern. Und deswegen erlaube ich mir zum wiederholten und zum letzten oder vielleicht vorletzten Male auf die Szene zu verweisen, in denen die Solidarität zwischen den streikenden Bergarbeitern und der Schwulenbewegung – not a match made in heaven – mit einem der schönsten Lieder aller Zeiten zum Ausdruck gebracht wird: „Our lives shall not be sweated / From birth until life closes / Hearts starve as well as bodies / Give us bread, but give us roses."


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