Gestern führte ich mit meinem Vater eine Diskussion über den Krieg und über die Putinversteherei. Dabei haben wir etwas Interessantes entdeckt. Wir erleben, weil wir zwei unterschiedlichen Generationen angehören, den Konflikt mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen.
Mein Vater, (geboren 1942, also im Zweiten Weltkrieg) hatte den Kalten Krieg erlebt, also eine Angst, dass sich die Welt mit Atombomben in die Luft jagen könnte. Er erlebte den Niedergang der Sowjetunion daher nicht nur als einen "Sieg" des freien (sozialstaatlich-kapitalistisch geprägten) Westens gegenüber dem kommunistisch unterworfenen Osten. Sondern er zollt bis heute Michail Gorbatschow große Anerkennung dafür, dass die Sowjetunion den Kalten Krieg so friedlich ausklingen ließ.
Dafür, so argumentiert mein Vater, hätte man Russland viel mehr Anerkennung entgegenbringen müssen: "Wir waren den Russen etwas schuldig und vor 20 Jahren wäre die Chance gewesen, ihnen viel stärker die Hand zu reichen". Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie im Zweiten Weltkrieg aufgrund des deutsch-österreichischen NS-Vernichtungsfeldzugs unglaubliche Opfer verkraften mussten.
Ich (Jahrgang 1973) habe den Kalten Krieg nicht mehr bewusst erlebt. Ich wurde durch den Fall der Berliner Mauer politisiert und durch die Samtene Revolution. Aber vor allem auch durch den Balkankrieg und die EU-Osterweiterung.
Ich halte die EU für das revolutionärste Demokratisierungsprojekt der europäischen Geschichte. Binnen weniger Jahre ist es auf friedliche Weise gelungen, nicht nur faschistische (griechische, spanische und portugiesische), sondern auch kommunistische Diktaturen in demokratische Rechtsstaaten zu verwandeln. Ja, es sind keine perfekten Systeme. Ja, in Ungarn und Polen versuchen Autokraten das Rad der Demokratisierung zurückzudrehen. Aber im Grunde hat das Projekt funktioniert. Die Nationalstaaten wurden gezähmt.
Die EU-Osterweiterung löste deshalb eine unglaubliche Faszination auf jene osteuropäischen Staaten aus, die daran nicht beteiligt waren. Ist es Zufall, dass jene europäischen Länder, die in Kriegen und Krisen versanken, keine EU-Mitglieder waren? Nein, im Gegenteil: EU-Länder führen miteinander keinen Krieg. Genau das war ja der Sinn der EU – sie wurde nicht dafür geschaffen, uns das Rauchen oder die Glühbirne zu verbieten, sondern um die Wirtschaft unter einem gemeinsamen rechtsstaatlichen Rahmen so zu verzahnen, dass sich Krieg in Europa nicht rechnet. Wir haben das schon fast wieder vergessen.
Wenn ich heute den Angriff Putins gegen die Ukraine beobachte, dann sehe ich darin weniger eine kriminelle Antwort des russischen Kriegsverbrechers auf das angebliche "Vorrücken" der NATO, wie es viele in der Generation meines Vaters sehen, also eine Szene aus der Zeit des Kalten Krieges. Sondern ich sehe darin den Versuch Putins, den Wunsch der ukrainischen Post-89er Generation nach Demokratie und Menschenrechten mit Massenmord und Gewalt zu unterdrücken.
Wer Putin verstehen will, muss daher eines wissen: Es geht ihm nicht um die Sicherheit Russlands. Er opferte nicht deshalb bereits 10.000 Soldaten in drei Wochen (in Afghanistan waren es 15.000 in zehn Jahren). Es geht um seine Sicherheit, seine Reichtümer, seine Macht und sein System. So muss man Putin verstehen. Darüber sind mein Vater und ich uns einig.