Ich mag keine Horror- und Splatterfilme. Schon bei harmlosen Gewaltszenen halte ich mir die Hand vor die Augen. KritikerkollegInnen sehen in Blutfontänen und platzenden Schädeln, wie sie Quentin Tarantino in seinen Filmen inszeniert, eine raffinierte Choreografie. Ich hingegen bin froh, wenn die ProtagonistInnen nicht foltern, sondern reden. Vielleicht erklärt meine Schreckhaftigkeit auch, warum ich kein großer Fan der Werke der Aktionskünstlerin und Choreografin Florentina Holzinger bin.
Meine Instagram-Seite quillt über von Aufnahmen, die Holzingers Planschtheater auf der Venedig-Biennale zeigen. „Seaworld Venice“ wird als Unterwasserthemenpark, Kläranlage und Sakralbau angepriesen. Man sieht Holzinger im wassergefüllten Österreich-Pavillon auf einem Jetski im Kreis fahren. Oder als lebenden Klöppel im Inneren einer Glocke schwingen. Eine Performerin suhlt sich in brauner Flüssigkeit, die an eine leckende Kläranlage erinnert. Das alles gilt als kritischer Kommentar zu Tourismus und Ökologie, die Presse reagiert begeistert.
Bei den Glockenbildern dachte ich an die Performances des Vorarlberger Aktionisten Wolfgang Flatz, der sich Anfang der 1990er-Jahre kopfüber an einem Seil zwischen zwei Stahlplatten hin- und herschlagen ließ. Wie bei Holzinger schrieb man auch bei Flatz viel über „Tabubruch“. Auf mich wirkten seine Aktionen eher wie eitle Selbstdarstellung, die ein kunstfernes Publikum schockieren sollte. Wird dieser Red-Bull-Aktionismus überzeugender, wenn man ihn als weibliche Selbstermächtigung verkauft?
Im Zusammenhang mit Holzinger fällt oft der Vergleich mit Marina Abramović, deren Werk kürzlich in der Albertina Modern zu sehen war. Auch Abramović ging an die Grenzen. In der Performance „Rhythm 0“ (1974) etwa forderte sie das Publikum auf, mit Brot, Wein, Nägeln und einem Revolver etwas mit ihr anzustellen – „sie zum Objekt zu machen“. Oder sie stand nackt mit einem Partner im Türrahmen, sodass das Publikum beim Passieren ihren Körper streifte.
Das Patriarchat schreibt Frauen vor, wie sie sich zu benehmen haben. Holzinger und Abramović zerstören diese Konventionen. Im Gegensatz zu Holzingers Splatter-Aktionen findet man bei Abramović jedoch immer auch Momente leiser Intimität. Sie berührt mit Atem und Blick, erzeugt Spannung – auch ohne aufwendige Bühnenmaschinen – allein durch die Begegnung zwischen Menschen.
Ein Grundsatz der Sixties-Avantgarde lautete, die Hierarchie zwischen KünstlerIn und BetrachterIn abzuschaffen. Bei Holzinger bleibt der Graben bestehen. Zwar quietschen in der ersten Reihe manchmal Leute, wenn eine Flüssigkeit von der Bühne schwappt. Doch insgesamt verharren die Besucher, anders als bei Abramović, in ihrer passiven Rolle.
Auf der Bühne setzen die Akteurinnen alles daran, starke Gefühle – Ekel, Angst und Läuterung – zu erzeugen: durch Szenen von Kannibalismus („Sancta“) oder der Massenmasturbation auf einem Helikopter („Ophelia’s Got Talent“). Meine Besuche bei Holzinger-Stücken verliefen enttäuschend. Bei den Hardcore-Szenen hielt ich mir die Augen zu, den Rest des Abends langweilte ich mich. Der Effekt der einzelnen Nummer zählt mehr als die Dramaturgie – in diesem Cirque du Soleil der Body Art.
Die Ö1-Sendung Diagonal widmete Holzinger ein Porträt, in dem unzählige Male das Wort „radikal“ fiel. Auf mich wirkt dieses Prädikat eher abschreckend. Wir leben in einer Zeit, in der Radikalität kein Zeichen von Außenseitertum, sondern von Macht ist. Tabubruch und Grenzüberschreitung kommen nicht mehr aus dem Underground, sondern finden im Weißen Haus statt. Inmitten tosender Wellen wächst mein Wunsch nach einer seichten Bucht.