Wie Sie wissen, gilt in Österreich seit wenigen Tagen ein Kopftuchverbot. Mädchen unter 14 Jahren müssen in der Schule den Schleier ablegen. Tun sie das nicht, drohen den Eltern Geldstrafen, auch die Kinder- und Jugendhilfe kann eingeschaltet werden.
Für die aktuelle Falter-Ausgabe sprach ich mit Marjam. Das Mädchen trägt ein Kopftuch, sie ist elf Jahre alt und kommt nächste Woche in die zweite Klasse einer Mittelschule in Wien-Favoriten. Marjam, die eigentlich anders heißt, kann nicht nachvollziehen, warum sie das Kopftuch ablegen muss. Sie werde nicht gezwungen, sagte sie. Außerdem könne sie alles tun, was andere Kinder in ihrem Alter auch tun. Sie zeigte Fotos: Marjam schwimmt im See. Sie klettert auf einen Felsen. Sie spielt mit anderen Kindern. „Meine Leistungen fallen ja wegen der Kopfbedeckung nicht ab“, sagte sie.
Doch genau das denkt die Regierung. Vor dem Gesetzesbeschluss, der am 11. Dezember 2025 gefasst wurde, berief sich die Dreierkoalition immer auf eine Studie aus Frankreich. Selbst in den Gesetzesunterlagen ist von „wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa aus Frankreich“ die Rede. Sie würden untermauern, dass das Kopftuch die „freie Entfaltung und Entwicklung“ von Mädchen beeinträchtigen würde.
Gemeint ist die Studie „Behind the Veil: the Effect of Banning the Islamic Veil in Schools“, publiziert im Jahr 2022, verfasst von Éric Maurin und Nicolás Navarrete. Die Ökonomen haben untersucht, welche Folgen das seit 1994 geltende Kopftuchverbot in Frankreichs Schulen hat. Dafür verglichen sie das Leben Zehntausender muslimischer und nicht-muslimischer Frauen seit 1994.
Das Ergebnis: Seit dem Verbot schlossen mehr muslimische Frauen die Matura ab. Sie konnten sich besser in die Gesellschaft integrieren und heirateten öfter einen nicht-muslimischen Partner.
Die Studie ging um die Welt. Wer für ein Kopftuchverbot argumentierte, kam nicht an ihr vorbei. Nur: Sie hat einen Haken.
„Es handelt sich um eine Fehlklassifikation“, sagt Sébastien Montpetit zum Falter. Der französische Ökonom hat im Jahr 2025 die Studie einem Stresstest unterzogen. Er kommt zu gegenteiligen Ergebnissen: Die Wahrscheinlichkeit, dass muslimische Frauen eine Matura abschließen, sank mit Kopftuchverbot. Sie gingen kürzer in die Schule, ihre Abbruchsquote stieg.
Dass Montpetit zu ganz anderen Ergebnissen kommt als seine französischen Kollegen ein paar Jahre zuvor, liegt an der Methode. Éric Maurin und Nicolás Navarrete nutzten für ihre Studie Daten der französischen Arbeitskräfteerhebung (LFS) zwischen 2005 und 2019. Diese lieferte zwar eine sehr große Datenmenge mit einer repräsentativen Stichprobe von fast 100.000 Personen. Aber weil aus Datenschutzgründen Informationen zur Religion fehlten, mussten die Forscher einen Umweg über die Väter machen. Sie definierten Frauen als „muslimisch“, wenn ihre Väter bei der Geburt die Staatsbürgerschaft eines mehrheitlich muslimischen Landes besaßen (hauptsächlich Maghreb-Staaten wie Algerien, Marokko, Tunesien sowie die Türkei/Naher Osten). War das nicht der Fall, waren die Frauen nicht-muslimisch.
In der Forschung sind solche Annäherungen legitim. Sie können die Realität, in dem Fall die Zugehörigkeit zum Islam, aber verzerren.
Montpetit hingegen nutzte Daten aus der „Trajectoires et Origines“ (TeO). Das ist eine große sozialwissenschaftliche Studie, die in regelmäßigen Abständen die Vielfalt der französischen Bevölkerung misst. Zwar ist die Stichprobe mit knapp 7.000 Personen deutlich kleiner als die Arbeitskräfteerhebung von Maurin und Navarrete. Allerdings erfassen die Umfragen der TeO auch die tatsächliche Religionszugehörigkeit der Befragten und ihrer Eltern. Montpetit war es möglich, echte Muslime fehlerfrei zu identifizieren. Und hier kommt die Überraschung: Nur 71 Prozent der Frauen mit Vätern afrikanischer Nationalität waren – laut Sample – tatsächlich Musliminnen.
„Nicht alle Menschen nordafrikanischer Herkunft sind Muslime, und nicht alle Muslime in Frankreich sind nordafrikanischer Herkunft“, sagt Montpetit. Aber genau das nahmen Maurin und Navarrete für ihre Studie an.
Die beiden Forscher stehen weiter hinter ihrer Studie und schmettern die Kritik von Montpetit ab. Weil sich viele muslimische Frauen vom Islam abwandten, „hielten wir es für weitaus vorzugswürdiger, die verfügbaren Informationen zur Religionszugehörigkeit der Eltern zu nutzen“. Außerdem habe man sich explizit gegen die TeO-Stichprobe, die Montpetit für seine Forschung nutzte, entschieden. Die Daten seien für „präzise Erkenntnisse“ viel zu klein, sagt Maurin zum Falter.
Welche Folgen seine Studie auslöste, weiß der Ökonom. Rund um seine Hypothese, dass die „schweigende Mehrheit“ der muslimischen Frauen dazu gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen, ist ein „parteiübergreifender Konsens“ entstanden.
Auch in Österreich glaubt das die Regierung – und bezieht sich eben auf die Studie aus dem Jahr 2022. Ein Kopftuchverbot stärke die Selbstbestimmung und Entfaltung muslimischer Mädchen.
Montpetit ist skeptisch. Das Tragen eines Kopftuchs sei wesentlich komplexer. „Wenn das Ziel darin besteht, die Autonomie und Integration junger muslimischer Frauen zu fördern, halte ich es für wichtig, zwischen Zwang, persönlicher Religionsausübung und den Hindernissen zu unterscheiden, mit denen Frauen in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert sind“, sagt der Forscher.
Marjam fühlt sich durch das Kopftuch nicht eingeschränkt. Sie könne alles tun, wenn sie sich anstrenge und die Noten passen, sagt sie. Sie möchte Architektin werden und ein Haus planen, das wie ein Schmetterling aussieht.
Bleibt zu hoffen, dass das Kopftuchverbot von ÖVP, SPÖ und NEOS diesen Traum nicht verhindert.