Wenn Sie ein Mensch sind und sich aktuell in Österreich aufhalten, dann leiden Sie vermutlich. So wie wir alle. Gestern haben wir mal wieder einen Hitzerekord geknackt: 41,2 Grad im niederösterreichischen Bad Deutsch-Altenburg, österreichisches Allzeithoch.
Schlimmer geht es aber gerade den österreichischen Kühen und ihren Besitzern, die ihre Tiere aus der Not heraus schlachten müssen.
Erwin ist Bauer aus dem Waldviertel. Seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe kein Instagram, kein Facebook, ich will mit so etwas nichts zu tun haben“, erklärt der öffentlichkeitsscheue Landwirt. Dennoch hat er sich dazu bereit erklärt, mit dem Falter über seine Nöte zu sprechen.
Bis vor Kurzem standen bei ihm noch 75 Rinder und Kühe im Stall. Heute sind es nur noch 70. „Ich musste leider fünf Mutterkühe an den Schlachthof verkaufen“, berichtet der Bauer. Es gebe einfach nicht genügend Futter, um die Tiere zu versorgen.
Normalerweise mäht der Bauer dreimal im Jahr eine große Wiese, die ihm gehört. Das Gras lagert er ein und verfüttert es dann über das Jahr hinweg an seine Tiere. Beim ersten Mähen im Frühjahr war die Ausbeute gering: Der Frühling war zu kühl, es ist zu wenig sattes Gras gewachsen. Beim zweiten Mähen im Juli war die Ausbeute noch dürftiger: Es war zu heiß und es gab zu wenig Regen. Das nächste Mähen stünde eigentlich im Oktober an, aber das wird er sich sparen. „Wegen der Trockenheit haben wir inzwischen nur noch Steppe.“ Normalerweise kommen 600 bis 700 Ballen zusammen, in diesem Jahr hat er gerade einmal 180.
Nun muss der Bauer Futter zukaufen. Nur gibt es kaum noch welches am österreichischen Markt. Auch seine Kollegen wissen kaum, wie sie ihre Tiere satt bekommen sollen und die großen Bauern hätten die Reserven schon frühzeitig aufgekauft. Selbst Finanzhilfen der Regierung, wie sie gerade etwa die IG Milch fordert, würden ihm nicht helfen. „Wenn es kein Futter gibt, wie soll man dann mit Geld welches herzaubern?“ Er sieht nur noch einen Ausweg: „Ich muss meinen Bestand reduzieren.“
Der Landwirt sorgt sich vor allem um die Langzeitfolgen. Die Kühe, die er heute schlachtet, werden ihm künftig fehlen. Bestände hoch- und wieder herunterzufahren ist bei Nutztieren ein langwieriger Prozess. Von der Trächtigkeit bis zur ausgewachsenen Kuh dauert es rund drei Jahre.
Fünf seiner Kühe musste er schon an einen Zwischenhändler verkaufen. Dieser verkauft die Tiere dann an Schlachthöfe. Ein Minusgeschäft auf ganzer Linie: „Aktuell mache ich pro Tier, das ich verkaufe, etwa 1000 Euro Verlust.“ Es gebe bereits Schlachthöfe, die keine Tiere mehr kaufen würden, sagt der Bauer. Grund sei das Überangebot: Viele wollten gerade ihre Tiere loswerden.
Insbesondere die Mutterkühe, die Erwin nicht für den Mastbetrieb, sondern zur Zucht verwendet, liegen ihm am Herzen. „Manche von denen kenne ich schon seit zehn Jahren“, sagt der Bauer. Die alten, die nicht mehr so leicht trächtig werden, muss er nun verkaufen. „Normalerweise hätte ich es noch einmal ein Jahr versucht, aber es geht eben nicht mehr.“
Wenn sich die Situation weiter zuspitzt, wird er auch seine Masttiere verkaufen müssen. Normalerweise ist ein Rind erst nach zwei Jahren schlachtreif. Doch wenn er auch künftig kein Futter auftreiben kann, müssen die jungen Tiere schon früher sterben.
Angesichts der immer heißeren Sommer, rät Erwin, Bauer in vierter Generation, seinen vier Kindern zu einem zweiten Standbein neben der Landwirtschaft. Sein Sohn überlegt stattdessen auf Hendl umzusteigen, sie fressen Getreide und das sei leichter zu bekommen.