Die Wiener SPÖ entdeckt im Wahlkampf das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum. Mit Alkoholverboten an öffentlichen Plätzen, mehr Sozialarbeitern und mehr Polizei will Bürgermeister Michael Ludwig ein wachsendes Unsicherheitsgefühl in den Griff bekommen.
Einige öffentliche Plätze haben sich in den letzten Monaten tatsächlich zu Unsicherheitszonen entwickelt. Messerstechereien am Ottakringer Yppenplatz, offen ausgelebter Alkoholismus am Franz-Jonas-Platz in Floridsdorf, Drogenhandel, aber auch einfach nur die Anwesenheit schlafender Obdachloser in Hauseingängen, beginnen Wiens Stadtbild zu prägen.
Ist man reaktionär, wenn einen all das stört? Nein. Im Gegenteil. Eine Stadt muss die Sicherheit im öffentlichen Raum wiederherstellen – aber nicht nur mit der Polizei. Immer noch lesenswert ist die Lektüre der Erkenntnisse der legendären Studie "Insecure Cities" und ein Interview, das ich vor fast 20 Jahren mit dem links sozialisierten Kriminalsoziologen Gerhard Hanak für die ZEIT führte. Es ist aktueller denn je – vor allem für jene, die sich für fortschrittliche Sicherheitspolitik abseits von "Law and Order"-Repression interessieren.
Forscher hatten das Sicherheitsgefühl der Bevölkerungen in Hamburg, Amsterdam, Krakau, Budapest und Wien erforscht, vor allem Menschen in Substandard-Altbaugebieten und in Stadtrandsiedlungen wurden interviewt. Das Ergebnis: In Wien wagten sich nur rund fünf Prozent der Menschen abends nicht mehr raus. In Hamburg, Stadtteil Wilhelmsburg, blieb damals indes ein Fünftel der Bevölkerung zu Hause, also vier Mal so viele. In Krakau traute sich sogar ein Viertel der Bevölkerung nicht mehr auf die Straße. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, abends ein Opfer von Kriminalität zu werden, in allen fünf Städten ähnlich groß.
"Wie erklären Sie die Unterschiede?", fragte ich damals den Forscher Hanak. Seine Antwort: "Das Unsicherheitsgefühl hat viel mit der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung zu tun – und diese kann von einer Stadt in gewissem Ausmaß gesteuert werden. Ältere Hamburger fürchten sich vor allem vor jungen, fremden Zuwanderern." So weit, so erwartbar.
Dann schob Hanak etwas Interessantes nach: "Angst wird aber auch ganz entscheidend durch städtische Unordnung geprägt. Je heruntergekommener ein Stadtteil wirkt, desto mehr fürchten sich die Bewohner. Auf die Kriminalitätsrate kommt es nicht an. In Wien wird wenig soziale oder physische Unordnung wahrgenommen. Das ist kein Zufall, die Stadt wird bewusst sauber gehalten, und es ist einiges getan worden, um Verslumungstendenzen entgegenzuwirken".
Zugespitzt formuliert: Die Müllabfuhr ist für das Sicherheitsgefühl fast so wichtig wie die Polizei. Ein Platz, der abends zugemüllt und schlecht beleuchtet ist, macht Angst, egal ob dort Verbrechen passieren oder nicht.
Dazu kommt noch etwas. Auch die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung spielt eine Rolle. Wien weiß das: Es gibt immer noch erstaunlich wenig Verdrängung aus sanierten Vierteln (Gentrification). Die ärmeren Schichten werden dank eines mieterfreundlichen Mietrechts nicht so stark abgedrängt, der Austausch der sozialen Milieus ist moderat.
Umgekehrt gibt es auch in den sogenannten bürgerlichen Wohngegenden große kommunale Wohnsiedlungen. Die arbeitslose Bevölkerung ist in Wien – anders als in vielen europäischen Städten – immer noch relativ gleichmäßig verteilt. Die Stadt weiß: Wo es zu einer Konzentration armer Bevölkerungsschichten kommt, folgen Abwärtsspiralen, es wird weniger investiert, die Infrastruktur leidet, und es herrscht mehr Unsicherheit. Auch deshalb wird in Wien wohlhabenden Bürgern der Zugang zu Gemeindewohnungen nicht verwehrt. Sie sollen keine Banlieues werden.
Dass Ludwig Alkoholverbote und Messertrageverbote an öffentlichen Orten fordert, ist also nur ein erster Schritt in der Rückeroberung öffentlicher Plätze. Mindestens so wichtig sind aber die freundliche Gestaltung von Plätzen und die nachhaltige Reinigung derselben (man blicke etwa auf den Praterstern).
Die schnelle Entsorgung von Müll, die übersichtliche Gestaltung von Parks, die helle Beleuchtung öffentlicher Plätze: Es mag banal klingen, aber das Sicherheitsgefühl in einer Großstadt hängt zu einem sehr großen Teil auch davon ab, wie eine Stadt gepflegt wird.