✍Stehen Sie auch öfters im Supermarkt vor den Obstkisten und suchen nach den Bioprodukten? Oder schauen Sie in der Boutique aufs Etikett und überdenken den Kauf, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob der Pullover unter fairen Bedingungen hergestellt wurde? Für viele Menschen ist das mittlerweile selbstverständlich. Wenn allerdings am Abend die Lieblingsserie über den Bildschirm flimmert, fragt sich kaum jemand: Unter we...
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Guten Abend Michael Wimmer!
Die Schauspielerin Ada Labahn spricht im Film "Gegen das Schweigen" neben anderen über ihre Erfahrungen mit dem Regisseur Paulus Manker (Filmstill: "Gegen das Schweigen"/NDR)

Stehen Sie auch öfters im Supermarkt vor den Obstkisten und suchen nach den Bioprodukten? Oder schauen Sie in der Boutique aufs Etikett und überdenken den Kauf, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob der Pullover unter fairen Bedingungen hergestellt wurde?

Für viele Menschen ist das mittlerweile selbstverständlich. Wenn allerdings am Abend die Lieblingsserie über den Bildschirm flimmert, fragt sich kaum jemand: Unter welchen Bedingungen wurde das, was ich hier sehe, gedreht?

Am vergangenen Dienstag veröffentlichte der NDR die Doku "Gegen das Schweigen. Machtmissbrauch bei Theater und Film".

Drei Jahre lange recherchierten die Journalistinnen Kira Gantner und Zita Zengerling zum Thema. Sie sprachen mit 200 Menschen, die vor und hinter der Kamera, auf und hinter der Bühne arbeiten. Es ging ihnen nicht um Skandalrhetorik und um die Nennung möglichst vieler prominenter Kunstschaffender, die sodann mit Schimpf und Schande davon gejagt werden, sondern um das System, das den Machtmissbrauch von Künstler:innen begünstigt. Weil zu- und weggeschaut wird. Aus Angst, selbst Opfer zu werden oder auch, weil man der Meinung ist, dass das Genie wüten darf.

Gantner und Zengerling führen ruhig und besonnen durch eine Stunde Film. Im Zentrum stehen die Betroffenen, die über ihre Erfahrungen berichten. "Weil sich nichts ändern wird, wenn wir alle weiterhin die Schnauze halten", wie die Schauspielerin Isabell Polak zu Beginn sagt. Sie und ihre Kolleg:innen berichten von Regisseur:innen, die während des Castings übergriffig wurden, die Schauspielerinnen zwingen wollten, sich ohne Notwendigkeit nackt auszuziehen und von körperlicher Gewalt. Und sie erzählen, warum bisher meist darüber geschwiegen wurde: Die Hierarchie am Film-Set und im Theater ist so ausgeprägt, dass niemand als "schwierig" gelten wolle. Zu groß sei die Sorge, keine Arbeit mehr zu bekommen.

Die Filmemacherinnen nehmen neben den mutmaßlichen Täter:innen auch das Publikum in die Pflicht, das weiterhin zu Vorstellungen pilgert, obwohl bekannt ist, dass sogenannte Enfant terribles Mitarbeiter:innen schlecht behandeln. Auch die Produktionsfirmen werden zur Verantwortung gezogen, die als Arbeitgeberinnen für die Sicherheit der Personen am Set verantwortlich sind.

Der Film nennt drei prominente Namen. Einer davon ist der deutsche Schauspieler und Regisseur Kida Ramadan, der für seine cholerischen Anfälle am Set berüchtigt ist. Die anderen beiden sind Österreicher: Theatermacher Paulus Manker und Regisseur Julian Pölsler.

Der Falter berichtete schon im Jahr 2020 von den schlimmen Arbeitsbedingungen in Mankers Produktionen. Ehemalige Mitarbeiter:innen erzählten von Demütigungen und Gewalt, hier und hier.

Diese Woche veröffentlichten wir erneut eine breit angelegte Recherche zu Paulus Manker. Dieses Mal zeigen wir eine andere Facette des Machtmissbrauchs, nämlich Schikanen auf arbeitsrechtlicher Ebene. Arbeitspartner müssen sich oft jahrelang mit Gerichtsprozessen herumschlagen, eine finanziell und psychisch belastende Situation.

Im Fall Pölsler geht es in erster Linie um junge Frauen am Beginn ihrer Karriere, die der Regisseur unter anderem belästigt und unangemessen berührt haben soll. Gantner und Zengerling sprechen in der Doku über ein Video, das sie aus rechtlichen Gründen nicht zeigen durften: Pölsler probte bei einem Casting eine Szene, in der ein sexueller Übergriff vorkommt. Pölsler soll das an einer Schauspielerin vorgeführt und ihr dabei mehrmals unter das Kleid gegriffen haben. Doch damit nicht genug. Er soll die Szene mit jeder weiteren Bewerberin erneut durchgespielt haben. Man frage sich, sagt Gantner im Film: "Warum musst du noch einmal eine Frau nehmen und ihr Gesicht in deinen Schritt drücken?"

Manker und Pölsler wiesen alle Anschuldigungen zurück. Ramadan entschuldigte sich mehrfach bei Mitarbeiter:innen.

Österreichische Medien berichten seit dem Erscheinen der Doku breit über dieses Thema. Der ORF präsentierte Beiträge etwa in der ZIB 2 oder im Radiosender Ö1. Andere Schauspielkollegen wie Cornelius Obonya und Erwin Steinhauer melden sich zu Wort.

Die Kleine Zeitung, Die Presse und Der Standard kommentierten die Doku und berichteten über Machtmissbrauch im Kunst- und Kulturbereich.

Schauspielerin Luna Jordan sagte im Jahr 2022 in ihrer Rede zur Verleihung des österreichischen Filmpreises: "Lasst uns gemeinsam das Schweigen brechen. Für die Zukunft des Films und die Freiheit der Kunst."

Einen schönen Abend wünscht

Bild von Stefanie Panzenböck
Ihre Stefanie Panzenböck

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Kulturskandal 2

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Kulturskandal 3

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