Werden Sie auch gezwungen, mit dem Rad zu fahren? Weil ALLES nur mehr auf Pedalritter ausgerichtet ist und die Autos dazwischen kaum noch Platz finden? Wenn ja, sind Sie nicht allein, wenn nein, liegt's wohl daran, dass Sie nicht in der steirischen Landeshauptstadt wohnen. Denn dort, unter der von KPÖ und Grünen geführten Regierung, ist es besonders schlimm, zumindest laut dem steirischen FPÖ-Chef und vielleicht künftigen Landeshauptmann Mario Kunasek. "Was sich in Graz abspielt, ist untragbar. Man wird fast gezwungen, auf Rad umzusteigen", klagte er diese Woche bei einer Debatte vor gut 900 Schülerinnen und Schülern in Graz.
Dass Österreich "das Autoland schlechthin" ist und bleiben muss, hat uns Noch-Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) schon im Vorjahr eingebläut. In der Steiermark, wo am 24. November gewählt wird, rangeln die Volkspartei unter Landeshauptmann Christopher Drexler und sein Herausforderer gerade darum, wer die bessere Auto(fahrer)partei ist. Wer kämpft noch härter dafür, dass die A9 südlich von Graz von vier auf sechs Spuren ausgebaut wird? Den Gegnern des Ausbaus riet Drexler im Frühjahr, "keine ideologiebasierten Justament-Standpunkte einzunehmen" (mehr dazu weiter unten). Unglaubwürdig, sagte die FPÖ diese Woche: "Wir sind die einzige Autofahrerpartei!" Wohlgemerkt, keiner von beiden sagt: Wir kümmern uns darum, dass alle Menschen mobil sein können.
All das ist seltsam genug im Jahr 2024, mitten in der Klimakrise, wo der Verkehr seit Jahren Österreichs größtes C02-Sorgenkind ist und anders als andere Sektoren immer noch weit mehr Kohlendioxid erzeugt als im Jahr 1990. Aber es gehe eben um die Freiheit, heißt es; die Menschen seien auf den Pkw angewiesen. Damit benennen sie selbst den Missstand ganz klar: Dass ohne Auto in diesem Land wenig geht, man könnte es auch wie die deutsche Autorin Katja Diehl sagen: dass wir in einer "Autokratie" leben. Doch anstatt alle Kraft darein zu investieren, dass der Alltag auch mit Bahn, Bus oder Rad zu schaffen ist, trachten sie danach, den Status quo zu zementieren.
Aber machen all jene, die morgens in die Stadt stauen, den Eindruck, ihnen wehe gerade der Wind der Freiheit um die Nasen? Und von welcher Freiheit reden wir, wenn der Ist-Zustand zugleich die Freiheit von Millionen von Menschen einschränkt?
Fangen wir mit den Jüngsten an. Jedes fünfte Kind wird in Österreich bereits mit dem Auto zur Schule gebracht. Ihre Eltern wissen: Ein Autoland ist kein Land für Kinder, es ist gefährlich für sie da draußen. Zwischen 2013 und 2023 kamen 80 Kinder im Straßenverkehr zu Tode, fast 27.000 wurden verletzt. Ein Autoland nimmt Kindern die Freiheit, selbst die Welt zu entdecken, zu Fuß oder per Rad in die Schule zu kommen und außerhalb von umzäuntem Gelände zu spielen.
Als Jugendliche werden sie weiter klein gehalten: Vielfach darauf angewiesen, dass Eltern sie wohin kutschieren oder Ältere sie nach Hause bringen (nicht selten: junge Mädchen fahren mit erwachsenen, nicht zwangsläufig nüchternen Männern). Oder sie steigen aufs Moped, wo sie bei einem Unfall klar die Schwächeren sind.
Und wer denkt an all jene, die nie den Führerschein gemacht haben – am Land vor allem ältere Frauen – und an die vielen betagten Menschen, die nicht mehr (sicher) Auto fahren oder sich keinen eigenen Pkw (mehr) leisten können? Im ländlichen Raum sind sie vielfach völlig vom Goodwill anderer abhängig, um auch nur zur Ärztin oder zum Einkaufen zu kommen – schließlich ist der nächste Supermarkt meist irgendwo am Ortsrand oder gar erst einen Ort weiter. Spontan ins Kaffeehaus gehen (wenn's noch eines gibt): Vergiss es!
Doch das ist unzumutbar. So treibt man Menschen frühzeitig in die Pflegeheime. Und es betrifft immer mehr: Schon ein Fünftel der Bevölkerung Österreichs (mehr als 1,8 Millionen Menschen) ist 65 Jahre oder älter, 2050 werden es schon 28 Prozent sein.
Sie denken: Was für ein Glück, dass mich das nicht betrifft? Das kann sich allerdings sehr rasch ändern. Wenn etwa die eigenen Eltern fahruntüchtig werden, zum Beispiel wegen Demenz (das betrifft derzeit bis zu 150.000 Menschen) und plötzlich ganz auf Ihre Taxidienste angewiesen sind. Oft genügt es schon, nur das Verkehrsmittel zu wechseln: Wer jahrelang ein Auto gelenkt hat und plötzlich einen Kinderwagen, merkt, wie uncool es ist, bloß einen superschmalen oder gar keinen Gehsteig zu haben.
Wer sich also damit brüstet, eine Autofahrerpartei zu sein, sollte ehrlicherweise dazusagen: All ihr anderen (Millionen), ihr seid uns nicht besonders wichtig. Wenn du morgen auch dazugehörst: Pech.