✍Schläge, Tritte und Schädelbrüche: Wie Insasse Michael gestorben ist >> Wo Sie in Wien eislaufen können >> Hundstage im Krankenbett >> Film-Tipps von Michael Omasta Wetterkritik: Es wird trist! Heute legt sich den ganzen Tag eine Wolkendecke über Wien, in der Früh besteht Glatteis-Gefahr (1 Grad), am Abend soll es regnen (4 Grad). Das wäre ja in Ordnung, würde sich die Sonne nicht gleich für mehrere Tage verabschied…
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FALTER.morgen – Der Wien-Newsletter / Der Justizskandal Hirtenberg / 28.01.2026 / Sie starten in den Tag mit Florian Klenk }}

Schläge, Tritte und Schädelbrüche: Wie Insasse Michael gestorben ist >> Wo Sie in Wien eislaufen können >> Hundstage im Krankenbett >> Film-Tipps von Michael Omasta

Wetterkritik: Es wird trist! Heute legt sich den ganzen Tag eine Wolkendecke über Wien, in der Früh besteht Glatteis-Gefahr (1 Grad), am Abend soll es regnen (4 Grad). Das wäre ja in Ordnung, würde sich die Sonne nicht gleich für mehrere Tage verabschieden. Komm zurück, wir vermissen dich!


Guten Morgen!

Heute lesen Sie ausnahmsweise eine Geschichte, die nicht in Wien, sondern in Niederösterreich spielt. Am 4. Dezember informiert eine Mitarbeiterin der Justizanstalt Hirtenberg in Niederösterreich eine Mutter, dass ihr Sohn Michael*, 30, in staatlicher Obhut gestorben ist. Ein schwaches Herz, ein plötzliches Multiorganversagen: also Schicksal.

Falter-Recherchen zeigen aber, das ist nicht die ganze Geschichte. Während die Nachricht vom Herzversagen überbracht wird, ermitteln Beamte des Landeskriminalamts Niederösterreich in Hirtenberg: Verdacht auf fahrlässige Tötung unter Ausnützung der Beamtenstellung. 

Am 9. Dezember wird Gerichtsmediziner Wolfgang Denk den Behörden mitteilen, der Leichnam von Michael weise folgende Verletzungen auf: „Zahlreiche Gesichtsschädelbrüche“, „Schädel-Hirn-Trauma durch Einblutungen“, „Brüche am rechten Oberkiefer“, „Brüche am Jochbogen“, „Brüche an der Augenhöhle“, einen „Bruch mittig am Unterkiefer“, einen „Kehlkopfbruch“, „Blutungen in der Bauchwand und der Brusthöhle“, „beidseitige Serienrippenbrüche und Bruch des Brustbeins“, „Blutungen im Rücken übergehend in den Gesäß- und Beckenbereich“ sowie Blutungen an beiden Kniekehlen und den angrenzenden Unterschenkeln. 

Das Justizministerium versuchte den Fall geheim zu halten. Erst nachdem der Falter am 12. Jänner eine Rechercheanfrage stellte, ging Anna Sporrers Presseteam an die Medien. Im aktuellen Falter lesen Sie die Cover-Geschichte zum Justizskandal, im heutigen Newsletter finden Sie eine Kurzfassung.

Außerdem: Viktoria Klimpfinger weiß, wo Sie in Wien sicher eislaufen können. Und Michael Omasta hat wie immer drei Film-Tipps für Sie.

Einen schönen Tag wünscht

Florian Klenk

*Name von der Redaktion geändert


Heute für Sie auf falter.at:

  1. Während die Bundesregierung wieder einmal herumeiert, sind sich alle Expertinnen und Experten einig: Der Wehrdienst muss dringend verlängert werden. Barbara Tóth hat dazu eine noch weiterreichende Idee. Warum nicht auch junge Männer, die noch keinen österreichischen Pass haben, ins Militär holen – um ihre Integration voranzutreiben und ihnen den Weg zur Staatsbürgerschaft ebnen?

  2. Können Sie sich noch an Laura Sachslehner erinnern? Die Wienerin gilt als Vertraute von Sebastian Kurz, war mal Generalsekretärin der ÖVP, machte auf FPÖ-Verbinderin, geriet politisch aber immer mehr ins Abseits. Jetzt taucht sie in einer neuen Rolle auf, schreibt Lina Paulitsch: Und zwar als Chefredakteurin der rechtspopulistischen Krawallplattform Exxpress. Was macht sie dort?

  3. Mäßigung im Jänner: Vielleicht haben Sie nach den fetten Weihnachtsfeiertagen ja auch daran gedacht – vor allem, was Alkohol betrifft. „Dry January“, der Verzicht auf alles Flüssige mit Prozenten, kommt seit ein paar Jahren immer mehr in Mode, schreibt Daniela Krenn. Aber kann sich der Trend in einem versoffenen Land wie Österreich tatsächlich durchsetzen?

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„Lasst’s mich einfach in Ruhe“

Ein psychotischer Häftling soll ins Spital. Statt ihn zu sedieren, schlagen maskierte Beamte auf ihn ein. Er stirbt. Das Justizministerium hält den Fall geheim.

Am 2. Dezember begutachtet der Psychiater Lucas Treidl den inhaftierten Michael in der Justizanstalt Hirtenberg. Der Insass ist offenbar schwer krank, er sei „psychotisch, desorganisiert und nicht in der Lage, Gefahren für sich und andere einzuschätzen. Wirkt akustisch halluzinierend, versteht Anforderungen nur teilweise, reagiert aggressiv und deutlich angespannt. Derzeit ist weiterhin akute Fremdgefährdung vorliegend.“ 

Treidl ordnet die sofortige Unterbringung in einem „besonders gesicherten Haftraum“ an, aus dem alle Gegenstände entfernt sind, mit denen der Insasse sich oder andere verletzen könnte. Und er organisiert einen Platz auf der Psychiatrie in Baden. 

Tags darauf, es ist der 3. Dezember 2025, soll Michael überstellt werden. Um acht Uhr morgens liegt er an jenem Tag nackt in seiner Isolationszelle 01/ABS 2. Entgegen der Weisung befinden sich darin ein Betonbett und ein Tisch. Für Patienten in akuter Psychose stellen solche Gegenstände ein erhebliches Verletzungsrisiko dar.

Als um acht Uhr die „tägliche medizinische Kontrolle“ stattfindet, reagiert Michael nicht auf Zurufe. Der Haftraum ist mit seinen Fäkalien verunreinigt. Mit Einsatzschild und Helm betreten die Beamten die Zelle und fordern Michael auf, aufzustehen. Er schreit: „Lasst’s mich in Ruhe, ihr Hurenkinder. Lasst’s mich einfach in Ruhe. Ich hab nichts gemacht.“ Zumindest steht es so im Protokoll.

(Dieser ALT-Text wurde mithilfe von KI erstellt) Überwachungskamera zeigt mehrere Personen in Schutzanzügen und eine Person mit Ausrüstung in einem Flur; Datum und Uhrzeit unten eingeblendet.
© ZvG, Faksimile aus dem Polizeiakt

Die Beamten fesseln seine Hände am Rücken, um ihn „medizinisch zu versorgen“. Worin die Versorgung besteht, dokumentieren sie nicht. Dann decken sie ihn zu und erkennen einen „geistesabwesenden und verwirrten Eindruck“. Michael befindet sich in einem „psychotischen Zustand“. Eine Abnahme der Handschellen ist nicht dokumentiert.

„Kurz nach der medizinischen Kontrolle“, so notiert ein Beamter, habe man auf den Monitoren der Überwachungskamera der Zelle ein „massiv gesteigertes Antriebsverhalten“ entdeckt. Michael sei auf dem Zellentisch gestanden und „permanent vom Bett auf den Tisch und wieder zurück“ gesprungen. Er habe „Bewegungen gemacht, als würde er mit einer Motorsäge schneiden“. 

Die Beamten sedieren Michael nicht mit Hilfe eines Arztes, sondern rüsten sich mit „Einwegschutzanzügen“, ballistischen Westen und sogenannten „Anonymisierungshauben“ – Sturmhauben – wie für einen Kampf mit einem Geiselnehmer. In dieser Montur betreten sie die Zelle des nackten Häftlings. Revierinspektor G. fordert Michael auf, vom Tisch zu steigen, andernfalls werde er „mittels unmittelbaren Zwangs aus dem Haftraum verbracht“.

Was folgt, entspricht genau dem Szenario, das der Anstaltspsychiater am 2. Dezember zu Papier gebracht hatte. Michael wird „fremdgefährdend“ und „halluzinierend“. Der Insasse wird den nun folgenden Nahkampf nicht überleben.

Im Protokoll heißt es, Michael sei „aufgrund der nassen Bodenverhältnisse ausgerutscht und mit dem seitlichen Kopfbereich mit voller Wucht auf das Betonbett gefallen“. Michael blutet. Ein Alarmzeichen.

Er müsste notfallmedizinisch versorgt werden. Ein Schädelbruch kann lebensgefährlich sein, zu Querschnittlähmungen oder inneren Blutungen führen. „Man hätte Michael stabil lagern und in Ruhe lassen“ müssen, sagt ein vom Falter befragter Psychiater. Doch die Amtshandlung endet immer noch nicht.

Die Beamten fixieren nun Michaels Beine. Er tritt, kratzt, wehrt sich weiter. Ein Revierinspektor versetzt ihm „mehrere Fauststöße in den Bereich des Oberkörpers“. 

Michael erhält weitere Faustschläge, diesmal auf den Unterschenkel. Ein Beamter setzt sogar seinen Schlagstock ein, angeblich, um die Beine zu fixieren. Schließlich legen ihm die Beamten Fußfesseln an. Sie tragen den Schwerverletzten in die Dusche. Mit einem Schlauch spritzen sie ihn ab, um ihm „ein sauberes Hemd anzuziehen“. Er schlägt um sich, klammert sich an Beamte, beißt, spuckt und erleidet erneut schwere Kopfverletzungen. Er sei „mit dem Kopf gegen Wand und Fliesenboden“ gefallen, so das Protokoll.

Die Beamten holen keinen Arzt, sie setzen Michael eine Spuckschutzhaube auf, die man sich wie die Kopfbedeckung eines Imkers vorstellen muss. Sie verengt sein Blickfeld – ein Umstand, der bei psychotischen Patienten zusätzliche Panik auslösen kann. Sie fixieren Kopf, Oberkörper, Arme,Beine und den Hals. Offenbar kommt dabei auch die höchst gefährliche Halsklammer zum Einsatz – eine Fixierung, die Michael den Kehlkopf brechen wird.

Wie die Verletzungsliste nahelegt, muss Michael höllische Schmerzen haben. Die Brüche, die Schläge, die Stürze, die Halsklammer: Sein Widerstand gegen das Martyrium wird von den Beamten offenbar als Renitenz interpretiert. Die wenigen verfügbaren Überwachungsvideos (in der Zelle werden Live-Videos nicht gespeichert) zeigen, wie sie ihn schließlich in den Gefangenenbus schleifen.

Der rund 30 Minuten dauernde Kampfeinsatz gegen einen schwer psychisch kranken Insassen ist beendet. Um 10.53 Uhr fährt das Fahrzeug los. Nach zwei Minuten, der Wagen steht an der Gefängnisschleuse, erkennt ein Beamter über einen Monitor im Auto, dass Michael „mit dem Körper unter die eingebauten Sitze gerutscht ist“. Offenbar wurde er nicht angeschnallt.

Die Beamten bleiben stehen, öffnen die Heckklappe, zwicken ihn ins Gesicht – keine Reaktion. Sie alarmieren die Rettung. Fast zwei Stunden lang wird reanimiert. Dem Einsatzteam wird laut Protokoll lapidar mitgeteilt, Michael habe sich bei einem Sturz „selbst verletzt“. Im Krankenhaus Eisenstadt stirbt Michael im Schockraum um 20.09 Uhr. Warum dieser Einsatz so eskalierte, lesen Sie im aktuellen Falter.


Falter-Radio

Wurde ein niederösterreichischer Häftling tot geprügelt? – #1563

(Dieser ALT-Text wurde mithilfe von KI erstellt) Überwachungskamera zeigt eine maskierte Person in Uniform, die eine Tür in einem Flur öffnet; oben rechts das Falter Radio-Logo.

Im Dezember 2025 verstirbt der 30-jährige Michael in der Justizanstalt Hirtenberg in Niederösterreich. Die Mutter des psychisch schwer kranken Mannes wird über ein angebliches Herzversagen informiert, während die Staatsanwaltschaft längst ermittelt. Denn der Leichnam weist Knochenbrüche auf, schwere Kopfverletzungen und einen zertrümmerten Kehlkopf. Florian Klenk spricht in dieser Folge über den brutalen Einsatz von Zwangsmitteln gegen einen akut psychotischen Häftling, der eigentlich Patient gewesen wäre.


Stadtnachrichten

Eine schlechte Nachricht für Pollenallergiker: Die MedUni Wien erwartet für heuer eine intensivere Saison der Frühblüher (Hasel, Erle und Birke) als in den Vorjahren. 

Die Haseln „zeigt einen reichlichen Besatz mit Kätzchen und damit Potenzial für intensiveren Pollenflug“, heißt es in einer Aussendung. Bei der Birke beobachten die Forscher ein ähnliches Muster. Die Saison dürfte heuer aber später starten. Erste Haselkätzchen sind derzeit blühbereit, aber der Pollenflug hat wegen des kühleren Winters noch nicht überall eingesetzt. „Bei Sonnenschein und Temperaturen ab 5°C muss nun auch in Wien und im Osten Österreichs mit erstem Pollenflug gerechnet werden“, heißt es. Die Purpurerle hat bereits zu Weihnachten zu blühen begonnen.


Das Alkoholverbot am Franz-Jonas-Platz in Floridsdorf soll auf unbefristete Zeit bleiben, wie ORF Wien gestern berichtete. Das Verbot gilt seit knapp einem Jahr und habe zu einer „deutlichen Verbesserung der Aufenthaltsqualität und einem erhöhten Sicherheitsgefühl geführt“, sagte Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ).


Stadtgeschichten

Bild von Viktoria Klimpfinger
VON VIKTORIA KLIMPFINGER

Eislaufen in Wien

Bambi tut es, Ben Stiller tut es in „Die Eisprinzen” – also tun wir es auch: Wir gehen eislaufen! Und zeigen Ihnen, wo man in Wien besonders gemütlich übers Eis rutscht.

Der Wiener Eistraum ist eröffnet! Bis 8. März kann man am Rathausplatz wieder herumkurven, sogar zweistöckig. Wer sich allerdings nicht in einer zähen Masse übers Eis tummeln will, muss nicht auf Natureisflächen ausweichen – die sind in Wien ohnehin nicht dafür freigegeben. Stattdessen gibt es einige Eislaufplätze, auf denen es zumindest etwas weniger wuselt. 

Wiener Eislauf-Verein 

Der Klassiker! So manche Romanze soll bereits auf dieser Eisfläche entbrannt sein. Gegründet 1867, ist der Wiener Eislauf-Verein längst eine Institution. Und das sieht man ihm mittlerweile auch an. Größere Renovierungsarbeiten müssen allerdings auf sich warten lassen, weil das Heumarkt-Projekt nach wie vor in der Schwebe hängt, wie ORF Wien im November berichtet hat. Sollte es umgesetzt werden, müsste der Eislaufplatz für zwei Jahre ausweichen. Noch ist es aber nicht so weit und man kann in gewohnter Manier ein paar Kreise ziehen. Urwienerische Tradition hat hier übrigens das Rundtanzen: Mittwochs um 19 Uhr, samstags um 12 Uhr und sonntags um 11 Uhr treffen sich Tänzerinnen und Tänzer und drehen zu Walzer, Marsch und Polka im Paartanz ihre Runden auf dem Eis.

Wiener Eislauf-Verein
© Wiener Eislauf-Verein

Kunsteisbahn Engelmann

Wer hätte gedacht, dass die erste Freiluft-Kunsteisbahn der Welt über den Dächern von Hernals schwebt – immer noch? Die Kunsteisbahn Engelmann ging 1909 in Betrieb, wurde dann aber im Zweiten Weltkrieg zerstört und musste mühsam wieder aufgebaut werden. 1972 verkaufte die Familie Engelmann an einen Warenhauskonzern – mit der Auflage, dass der Eislaufplatz erhalten bleiben müsse. Deshalb verlagerte man ihn auf das Dach des Warenhauses, wo sich bis heute allerhand tut. Jeden letzten Sonntag im Monat wird auch hier Walzer oder Macarena getanzt, die Eislauftrainer zeigen die wichtigsten Schritte vor. Mitmachen darf, wer da ist. Am 31. Jänner organisieren die Trainer ab 14 Uhr einen Parcours übers Eis. Und jeden Freitag heizt ab 19 Uhr die Eisdisco ein. 

Eisring Süd

Auch neben dem ikonischen Wasserturm in Favoriten kann man übers Eis schlittern, ebenfalls seit Jahren. Gut, der Eisring-Süd hat zwar erst 1982 seine Pforten geöffnet, aber immerhin. 5.500 Quadratmeter Eis hat man hier, um ausgiebig mit dem Gesicht zu bremsen (wenn Sie die Wahl haben, empfehlen wir allerdings die Kufen!). Hier hat man sogar die Wahl, ob man unter freiem Himmel oder überdacht Eisrutschen will. Wer es besonders ernst mit dem neuen Hobby meint, kann sich im Eislauf-Fachgeschäft mit Equipment aufmagazinieren. Und jeden Sonntag wird auch hier die Eis- zur Tanzfläche: von 15:30 bis 19 Uhr bei der Eisdisco in der Halle. 

Bacherpark 

Deutlich kleiner, aber umso charmanter ist der Eislaufplatz im Bacherpark in Margareten. Auf der Fläche eines Ballspielkäfigs schlittert man auf begrenztem Platz vor sich hin. Den größten Spaß haben wir wahrscheinlich die Kleinen, prinzipiell richtet sich das Angebot aber an alle. Der Eislaufplatz ist gratis zugänglich, jeden Dienstag und Freitag zwischen 15 und 17 Uhr kann man sich auch Eislaufschuhe gratis ausborgen. In den Semesterferien ist der Verleih jeden Werktag geöffnet.


Hundstage #53

Bild von Viktoria Klimpfinger
VON VIKTORIA KLIMPFINGER

In guten wie in schlechten Zeiten 

Lebt man mit Hund, ist man nie allein. Nicht einmal, wenn man krank ist. Fini, der Schnupfen und ich. 

Kürzlich war ich krank. Das passiert zum Glück nicht oft. Aber wenn es passiert, führe ich mich auf wie die Protagonistin eines Ölgemäldes aus dem 19. Jahrhundert. Blass, ferner Blick, hingegossen, ja, verschmolzen mit meinem Polstermöbel sieche ich dahin, händchenhaltend mit dem Erlkönig. 

Kein angenehmer Anblick. Und auch kein Ohrenschmaus. Mit einer Stimme, die klingt, als hätte Nina Hagen ein Reibeisen verschluckt, ächze ich Handlungsempfehlungen in den Raum. Man könnte mir vielleicht einen Tee kredenzen – lautes Husten – und wo ist noch gleich der Fieberhansi (in meiner Familie heißen Eichhörnchen und Fieberthermometer Hansi, kurios). Einigermaßen verständlich also, dass sich jene, die in meiner Umlaufbahn kreisen, rechtzeitig in Deckung bringen. Außer die, die mich so gern haben, dass sie über das kreidebleiche, viktorianische Kind in mir hinweg sehen können – oder mir ausgeliefert sind. Wie Fini. 

Fini krank
Fini, aufgebahrt (© Falter/Klimpfinger)

Allerdings dürfte sich Fini mein Dahinvegetieren inzwischen abgeschaut haben. Sobald ich fiebernd zwischen den Bewusstseinsstadien mäanderte, immer wieder durchbrochen von fröhlichem Knabbern an einem Überraschungsei (bin ich erkältet, will ich Ü-Eier, so lautet das Gesetz), lag auch Fini wie hingegossen an meiner Seite. In guten wie in schlechten Zeiten. Schlief ich, schlief sie. Seufzte ich, seufzte sie. 

Allmählich nahm Finis Huckepack-Kränkeln aber überhand. Auch sie, ähnlich wie die menschgewordene „Grey’s Anatomy”-Folge neben ihr, verweigerte die Nahrungsaufnahme. Sogar ihr Wasser lehnte sie ab. Erst als ich ihr die Hühnersuppe, die ich mir dann doch zaghaft er-mimimi-t hatte, in ihre Wasserschüssel tropfte, trank sie. Geteiltes Leid. 

Berühmte Schnupfen-Szenen wie die der erkälteten Meg Ryan in „E-Mail für dich” ließ sie dabei wie eine billige Schmierenkomödie aussehen. In Finis Version bringt Tom Hanks der rotnasigen Meg Ryan keine Blumen vorbei, sondern fragt ihren Hund, ob er sich vielleicht für den Genuss eines Kauknochens erwärmen könnte. Ja, als ich meine Mutter anrief, um ihr in Schmirgelpapier-Manier mein Leid zu klagen, war eine der ersten Fragen: „Wie geht’s Fini?” „Die ist anscheinend auch krank.” „Krank?! Oh nein! Die Arme! Warst du schon beim Tierarzt?” Ob ich beim Menschenarzt war, interessierte niemanden mehr. 

Allmählich keimte in mir das schlechte Gewissen. Bin ich egozentrisch? Sollte ich unsere geschwächten Leiber tatsächlich zum Veterinär unseres Vertrauens schleppen? Bin ausgerechnet ich armes, krankes Elend – der Arsch? Eine kurze Recherche ergab: Ja. Aber nicht, weil Fini krank war. Sondern weil exzessives Kuscheln und Bewachen offenbar ihre Art ist, sich um mich zu kümmern. Hunde erkennen schon an minimalen Veränderungen in Geruch, Stimme und Körperhaltung, ob wir krank oder traurig sind (in meinem Fall: beides!) und suchen unsere Nähe. Verhalten wir uns dann auch noch wie Shakespeares tragisch dahinsterbende Julia mit Raucherhusten und Fistelstimme, ist nachvollziehbar, dass der Hund mit ähnlich dramatischer Bekümmerung reagiert. Für Finis sensible Sensorik muss mein Verhalten gewirkt haben, als stünde ich wirklich kurz vor der letzten Ölung. Sie liebt mich also doch.


Lexikon

Gesamtgesellschaftlich

Es ist das Lieblingswort 2026 der ÖVP-Verteidigungsministerin. Alleine im sieben Minuten kurzen „Ö1 Morgenjournal“-Interview am21. Jänner verwendete Klaudia Tanner es drei Mal. Dabei ging es um die Reform der Wehrpflicht. „Gesamtgesellschaftlich“ ist ein gerade bei Politikerinnen und Politikern beliebtes Wort, ähnlich wie „Mitbürger“. Es soll wohl das „gesellschaftlich“ noch mehr betonen, wenn man ein „gesamt“ vorweg stellt. Von „teilgesellschaftlich“ redet selten jemand. Und was wäre das Gegenstück zum „Mitbürger“? Der „Ohnebürger“? Als wären Worte wie „Gesellschaft“ oder „Bürger“ alleine nicht stark genug.

Wir erklären an dieser Stelle jede Woche einen Begriff, der durch die Medien geistert.


Frage des Tages

In Wien leben rund 1.700 Menschen mit buddhistischem Religionsbekenntnis. Österreich erkannte die Religionsgruppe als erster europäischer Staat an. In welchem Jahr?

1.1948

2. 1965

3. 1983

Auflösung von gestern: Die Linie U1 legt von allen U-Bahnen mit 19,2 Kilometern die längste Strecke zurück (nicht 26,5 oder 34,8 Kilometer).


Events des Tages

Bild von Gerhard Stöger
AUSGEWÄHLT VON GERHARD STÖGER

Literatur/Zeitgeschichte

Ab 22. Jänner wird der Project Space im Jüdischen Museum für vier Wochen zur Lesebühne. Ensemblemitglieder von Burgtheater, Schauspielhaus, Josefstadt und Volkstheater widmen sich unter dem Titel „Gelesene Erinnerungen“ Berichten von Holocaust-Überlebenden; unter anderem wirkenSabine Haupt, Markus Hering, Dörte Lyssewski oder Markus Meyer mit. Besucherinnen und Besucher können vor Ort auch selbst in den Büchern lesen. (Sebastian Fasthuber)

Jüdisches Museum Wien (Dorotheergasse), 17.00 (Eintritt frei; Anmeldung!) bis 17.2.


Neue Musik

Unter dem Motto „Sargfabrik experimentell“ widmen sich zwei Abende mit insgesamt sechs Konzerten heute und morgen diversen Spielarten der – nomen est omen – experimentellen Musik. Kuratiert von Jazz- und Avantgarde-Gitarrist Burkhard Stangl „erkunden die Konzerte radikale Ausdrucksformen aktueller Klangkunst zwischen Improvisation, Grenzgang und akustischer Forschung“. Zum Auftakt spielen Magda Mayas, Boris Hauf und Annette Krebs.

Sargfabrik, 19.30 (auch 29.1.)


Buch

Hanif Kureishi: Als meine Welt zerbrach

„Seit ich zu Gemüse geworden bin, war ich noch nie so beschäftigt", diktiert Hanif Kureishi im Jänner 2023, nachdem er kurz nach Weihnachten in Rom gestürzt war und seitdem seine Gliedmaßen nicht mehr bewegen kann. Das Memoir, das der britische Romancier und Drehbuchautor übers Jahr 2023 mithilfe seines Sohnes Carlo festgehalten und überarbeitet hat, versucht, die drastisch veränderte Lebenslage mit einer Mischung aus Galgenhumor und Zweckoptimismus zu fassen.

Über den Anus des Autors erfährt man mehr, als man unbedingt wissen wollte, die Folgen der Katastrophe auf das Ehe-und Familienleben werden eher kursorisch skizziert. Beobachtungen vor Ort wechseln ad libitum mit Erinnerungen und Reflexionen, in denen Kureishi „für eine Welt ohne Ungleichheit und strukturellen Rassismus" plädiert. Eh. (Klaus Nüchtern)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at


Film-Tipps

Bild von Michael Omasta
VON MICHAEL OMASTA
(Dieser ALT-Text wurde mithilfe von KI erstellt) Zwei Personen umarmen sich eng; die vordere Person mit hellem Haar und sichtbarem Tattoo wirkt nachdenklich.

Masha, ein belarussisches Model, träumt von einer Karriere in China. Misha arbeitet in einer Minsker Leichenhalle und erweckt die Toten in seinen Ölgemälden zum Leben. Die beiden Außenseiter fühlen sich voneinander angezogen und streifen gemeinsam durch die warmen Sommernächte. Spezialpreis der Jury beim Filmfestival Locarno.

Regie: Elsa Kremser, Levin Peter, Ö/D  2025


Hamnet

Spekulationen um William Shakespeare (Paul Mescal) und dessen Familie, erzählt aus der Sicht seiner Gattin Agnes (Jessie Buckley): Eine bewegende Geschichte von Liebe und Verlust, die den Dichter am Ende zu seinem Meisterwerk „Hamlet“ inspiriert haben soll. Toll die Kameraarbeit des Polen Lukasz Zal!

Regie: Chloé Zhao, USA/GB  2025


Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren

Dokudrama, das auf Astrid Lindgrens zwischen 1939 und 1945 entstandenen Tagebüchern basiert und die später berühmt gewordene Kinderbuchautorin als kritische Chronistin des Zweiten Weltkriegs würdigt. Formal ist der Film eine klassische TV-Doku, „was sie besonders macht, ist die Wahl der Zeitzeugen: Lindgrens Tochter Karin (sie war zu Kriegsende zehn Jahre alt), Enkeltochter Annika und Urenkel Johan haben wunderbare Geschichten zu erzählen“ (D. Gromes).

Regie: Wilfried Hauke, D/SWE  2025


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