⛰Es gibt viele Trennlinien, die sich durch die Teilnehmenden der Weltklimakonferenz (COP30) ziehen, die gerade in Belém, Brasilien, stattfindet: Staaten, die immer noch auf Öl setzen und jene, die schon an allen Schrauben für den Ausbau der Erneuerbaren gedreht haben. Nationale Gesandte, die lautstark für die Einhaltung der Pariser Klimaziele plädieren, und unternehmerische Lobbyisten, die wollen, dass weiter um den …
FALTER.natur - Der Nachhaltigkeits-Newsletter
Guten Tag,
Indigene Demonstranten dringen in die Veranstaltungsvenue der COP30 ein
Indigene Demonstranten stürmen das Konferenzgelände der COP 30 (Foto © APA-Images / REUTERS / Anderson Coelho)

Es gibt viele Trennlinien, die sich durch die Teilnehmenden der Weltklimakonferenz (COP30) ziehen, die gerade in Belém, Brasilien, stattfindet: Staaten, die immer noch auf Öl setzen und jene, die schon an allen Schrauben für den Ausbau der Erneuerbaren gedreht haben. Nationale Gesandte, die lautstark für die Einhaltung der Pariser Klimaziele plädieren, und unternehmerische Lobbyisten, die wollen, dass weiter um den heißen Brei geredet wird und dass Worte wie "fossil" nicht so deutlich im Abschlussdokument stehen.

Und dann gibt es noch Abgeordnete jener Länder, die die Folgen der Klimakrise maßgeblich verursachen (und vor allem historisch verursacht haben) und solche, die stärker darunter leiden, Ernteausfälle, Meeresspiegelanstieg oder die Zunahme verschiedener Krankheiten bereits stark fühlen – obwohl sie wenig Verantwortung dafür tragen.

Denn die Klimakrise ist an erster Stelle auch eine Gerechtigkeitskrise.

Doch manche Bilder bringen diese Ungerechtigkeit um einiges besser rüber als nur blanke Zahlen. Etwa, als am Mittwoch eine Gruppe Indigener das Konferenzgelände der COP stürmte. Wie in einem dramatischen Film benannten sie es als Aufstand gegen die weitere Förderung von Öl, Mineralien und das Abholzen der Bäume auf ihrem Territorium. "Wir essen kein Geld", sagt einer der Aktivisten. "Wir wollen nur ein freies Gebiet."

Viele der Länder des globalen Südens – und auch das Gastgeberland Brasilien – drängen deshalb auf eine bessere Klimafinanzierung: Geld soll von reicheren an ärmere Länder fließen, damit die sich besser vor den Folgen der Erderhitzung schützen können. "Loss and damage" nennt sich dieser Fonds, der vor drei Jahren in Ägypten eingerichtet wurde. Nun muss er adäquat befüllt werden. Vergangenes Jahr versprachen die Länder 752 Millionen Dollar. Obwohl es eigentlich 400 Milliarden bräuchte.

Die diesjährige COP wird deshalb auch "Anpassungs-COP" genannt: Nicht nur Geld soll helfen. Sondern auch 100 Indikatoren wollen die Diskutanten festlegen, um diese Anpassung an den Klimawandel messbar zu machen: Hochwasserschutz oder die Sicherstellung von ausreichend Nahrungsmitteln zum Beispiel.

Doch schon hier wird nicht nur eine weitere Trennlinie, sondern ein kleiner Graben sichtbar: Sollen wir unseren ganzen Fokus auf diese – teils unvermeidbaren – Auswirkungen der Klimakrise richten? Oder uns aufgrund der allgegenwärtigen Warnungen stärker denn je auf die Reduktion von Treibhausgasemissionen konzentrieren, um so nah wie möglich an 1,5 Grad plus zu bleiben?

Österreichs Klimaminister Norbert Totschnig (ÖVP) wird am Wochenende mit einer im Vergleich zu den Vorjahren geschrumpften Delegation nach Brasilien reisen. Schon vor der Veranstaltung war immerhin viel darüber diskutiert worden, ob die kleine Amazonas-Stadt Belém auch wirklich der richtige Ort für ein Event mit 50.000 Teilnehmenden sei. Bundespräsident Alexander Van der Bellen beschloss deshalb etwa, gar nicht erst hinzufliegen.

"Man hat uns versichert, die Unterkunft sei sauber", scherzte Totschnig gestern. Er jedenfalls will sich vor Ort nicht auf die Anpassung, sondern auf die weitere Senkung der Treibhausgasemissionen konzentrieren: Um unter 1,5 Grad plus zu bleiben, müssten diese schließlich bis 2035 um 60 Prozent fallen (im Vergleich zu den Zahlen von 2019) – die Prognosen zeigen aber lediglich ein Minus von 12 Prozent.

Je weniger Emissionen wir senken, desto mehr Anpassung werden wir brauchen. Und an manche Gegebenheiten könnten wir uns auch nicht mehr anpassen.

Aber der "Zwist", die Richtungsentscheidung, ist auch maßgeblich für ein größeres Problem: Wissen wir überhaupt über dieses globale Ungleichgewicht Bescheid? Fehlt uns – auch in Österreich – ein Ungerechtigkeitssinn? Zwar sollen CO2-Besteuerung und Emissionshandel einen Ausgleich zwischen Menschen oder Unternehmen mit kleinem und weniger kleinem Treibhausgas-Fußabdruck schaffen. Doch die wenigsten sind sich dessen überhaupt bewusst: Nur 14 Prozent der Teilnehmer:innen einer Umfrage wussten, dass die Einnahmen durch die CO2-Steuer in Form des Klimabonus teils wieder an sie zurückflossen. Die aktuelle Regierung hat den Bonus abgedreht.

Auch das wäre die Aufgabe einer fairen Politik: Den Menschen zu erklären, wozu welche Maßnahmen gut sind – und dass sie für ihr klimafreundliches Verhalten sogar belohnt werden.

Bild von Katharina Kropshofer
Ihre Katharina Kropshofer

Anzeige

Anzeigenbild
(c) Getty Images/Unsplash+

Raus aus Wien: Die besten Ausflugstipps im Winter

Erleben Sie den Winter von seiner schönsten Seite: Genießen Sie kulinarische Highlights, entspannen Sie in der Therme oder in gemütlichen Land-Lofts, entdecken Sie charmante Städte, Almwellness und packende Theatermomente! 
Mehr erfahren →


Mehr Amazonas

Die Stimme der Indigenen wird auf den Weltklimakonferenzen traditionell zu wenig gehört. Doch dieses Jahr immerhin lauter als zuvor – auch deshalb fiel die Wahl des Austragungsortes auf Belém am Tor zum brasilianischen Teil des Amazonas. Um zu verstehen, was dieser Kampf um den Regenwald bedeutet, empfehle ich Ihnen einerseits diese Doku, andererseits diesen Podcast des britischen Guardian.

Auch der grüne EU-Abgeordnete Thomas Waitz war gerade im Amazonas unterwegs und hat "Chief Raoni" und andere indigene Gruppen mitten im Regenwald besucht. Mitgebracht hat er nicht nur emotionale Botschaften, sondern auch einen Brief, den sie ihm mitgegeben hat. Sie lesen ihn (in einer englischen Version) am Ende dieses Newsletters.


Mehr Brüssel

Die EU ist in der Vergangenheit immer als Vorreiter auf die Weltklimakonferenzen gereist.

"Wir müssen jetzt beweisen, dass Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zusammengeht", meinte Minister Norbert Totschnig gestern. Trotzdem hat er sich auf EU-Ebene für eine Verwässerung der Klimaziele und für den potentiellen Kauf von bis zu fünf Prozent an Emissionszertifikaten eingesetzt.

Bis 2050 will die Union klimaneutral sein, monatelang stritten die Mitgliedsstaaten über ihr Zwischenziel, also die Reduktion bis 2040. Sie wollen bei 90 Prozent bleiben – doch die Sache hat einen Haken: Fünf Prozent der Emissionen können die Staaten nun über Klimaschutzprojekte in anderen Ländern kompensieren.

Einen Ablasshandel nennen das Experten also eine Verschiebung der Verantwortung. Eine Gruppe im EU-Parlament hat gestern im großen "Showdown" zumindest eine Änderung hinsichtlich der Qualität solcher Zertifikate durchgebracht. Diese hatten in der Vergangenheit viel Kritik erfahren: 85 Prozent der Projekte sparen vermutlich gar keine Emissionen ein. Im FALTER-Radio hören Sie noch mehr zu den Hintergründen auf EU-Ebene.

Anzeige

Anzeigenbild

Viele Menschen würden den FALTER gerne regelmäßig lesen, können sich aber kein FALTER-Abo leisten. Verschenken Sie daher ein Förderabo! Wir leiten das Abo dann an eine Person weiter, die sich über ein kostenloses Abo freut.


Mehr Klimapolitik

Der Vorteil einer Wochenzeitung ist aus meiner Sicht ja, dass man manchmal einen Schritt zurückmachen und dieses Hickhack etwas aus der Ferne betrachten kann. Meinen Longread zu den Vor- und Rückschritten im Klimaschutz lesen Sie in der aktuellen FALTER-Ausgabe oder hier


Mehr Falter und Natur

Und noch mehr Gedanken zu dem Thema finden Sie in dieser Ausgabe auch an einer ungewöhnlichen Stelle – nämlich in der FALTER:Woche. Dort spricht mein Kollege Sebastian Fasthuber mit dem Bestseller-Autor und Wien-Liebhaber T.C. Boyle. Der hat zuletzt einen Klima-Roman geschrieben – und nun einen über die Zerstörung der Natur. Das Gespräch lesen Sie hier.

Natürlich darf an dieser Stelle auch die Tier-Kolumne von Peter Iwaniewicz nicht fehlen. Er fragt sich dieses Mal, wie es den Walen geht, was sie uns sagen wollen – und was sie vielleicht nicht mehr sagen können.

Und Soraya Pechtl hat sich Gedanken über das Vorhaben der Stadt Wien gemacht, einen großen Windkraftanbieter zu kaufen. Kommt jetzt der Ökostrom-Durchbruch für die ganze Stadt?


Brief der Kayapó

Letter from Aldeia Metuktire - October 23, 2025

We, the representatives of the communities at the Metuktire, Kenpo Kromare,

Kaweretiko, Kranbiti Tonhore, and Piaraçu villages in the Capoto/Jarina Indigenous land,

gathered in the Men’s House and wrote this letter to defend the rights of the

Mebengokre people. We stress our will to continue the fight for the demarcation of the Kapot

Nhinore Indigenous Land.

From the beginning, led by our Great Leader Chief Raoni, this fight has been fought with

courage and determination. In 2023, after more than 20 years of struggle, we managed to

have the Kapot Nhinore land approved by the president of Funai. Nonetheless, the

demarcation process has come to a halt once again and we, the Mebengokre people, want to

call on the whole world to pressure the Brazilian government so that this important process

can be completed that will allow our territory to be duly recognized and protected.

We also reaffirm that we do not accept carbon credit programs in our territory. Any decisions

on this type of project must be consulted with the Indigenous community and traditional

leaders, as defined in the ILO Convention 169. These programs are bad for the Mebengokre

people because they can bring harm to our way of life, our culture, and autonomy over our

land.

Likewise, we do not accept the free trade agreement between the countries of Mercosur and

the European Union as this agreement brings strong pressure on Indigenous people by

threatening our territories, our forests, and our guaranteed rights. We are against any type of

international negotiation that could cause environmental destruction or disrespect the

Indigenous peoples of Brazil.

We know that Brazil intends to announce, during COP 30, the creation of a new fund to directly

support Indigenous peoples and their institutions. However, these same types of promises

have been made in the past and we were only given crumbs. Therefore, we demand that this

new fund should come directly to Indigenous communities and entities, with no intermediaries,

guaranteeing that the people are truly benefited. We also propose that the new fund be aimed

at serving all Indigenous people without any distinction, and that an Indigenous Control and

Inspection Committee be created, formed by village leaders, to ensure that the resources are

used fairly, transparently, and compliant with decisions by the communities.

Finally, we call on the international authorities’ support so that the Brazilian national congress

rejects any bills of law that are intended at implementing the “Marco Temporal” thesis.

(Translation by Cristiana Ferraz Coimbra)


Wie fanden Sie diese Ausgabe?
Nur durch Ihr Feedback können wir unseren Newsletter verbessern.

Sehr gut | Gut | Weniger gut | Schlecht

FALTER.natur Logo
Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: abo.falter.at
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.
Unser FALTER.natur-Archiv finden Sie auf falter.at/natur.
Sie wollen in unserem Newsletter Werbung schalten? Alle Informationen finden Sie hier.
Teilen via FacebookTeilen via BlueskyTeilen via E-MailTeilen via WhatsApp
Sie sind bei unserem Newsletter mit folgender E-Mail-Adresse eingetragen: karlheinz@zeiner.at

Profil und Newsletter-Abos verwalten

Von allen Newslettern abmelden

Medieninhaber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Str. 9, 1011 Wien
FB: 123082d HG Wien
Impressum/Offenlegung
Datenschutz