Können Ungerechte einen gerechten Krieg führen? Gibt es so etwas überhaupt? Es gibt ihn wohl, den gerechten Krieg. Zum Beispiel, wenn er der Beseitigung eines ungerechten Herrschers dient, der sein Volk schindet, knechtet und quält. Das trifft ohne Zweifel auf den iranischen Tyrannen Ali Chamenei zu. Beinahe jeder Versuch, dessen islamistisches Regime zu beseitigen, verdient Applaus. Die Tötung des Ayatollah wird kein Mitleid erregen, zumal die grausam niedergeschlagenen Proteste der iranischen Bevölkerung noch frisch in Erinnerung sind. Das Blut auf den Straßen der iranischen Städte war noch nicht trocken, als die Bomben fielen.
Impliziert das „beinahe“ dennoch einen Einwand? Ja. Wenn der Versuch unklug oder unglaubwürdig ist. Der Angriff der USA und Israels auf Iran bedurfte kaum einer Erklärung. Die beiden Staaten, vom iranischen Regime der große und der kleine Satan genannt, nutzten den Augenblick der Schwäche des Todfeinds aus, um ihn zu besiegen. So weit, so gut. Alles andere an diesem Versuch aber ist dubios. Seine Erklärung zum legitimen Akt, weil Iran die USA bedrohe, zum Beispiel. Iran bedroht Israel, gewiss. Und dass er Atomwaffen baue. Jedoch: Hat Donald Trump nicht erst vor wenigen Monaten damit geprahlt, die Atomwaffen von Iran mit seinen Bombardements ein für alle Mal zerstört zu haben?
Die westliche Welt ist nicht überrascht, dass ihr Führer lügt; sie wäre überrascht, täte er es nicht. Warum aber sollte sie ihm glauben, wenn er beteuert, er denke zuerst an das Volk von Iran, das sich nun erheben möge, denn so eine Gelegenheit komme nie wieder?
Ein unerklärter Krieg ist so etwas wie Staatsterrorismus. Weder hat der amerikanische Präsident die Ermächtigung seines Parlaments zum Krieg, noch hat er glaubwürdige Erklärungen für ihn. Die Gastgeber der Verhandlungen, der Außenminister des Sultanats Oman, versichern vielmehr, die Verhandlungen seien vielversprechend vorangeschritten (die Amerikaner behaupten mittlerweile, sie hätten nur mehr zum Schein verhandelt, um Chamenei in Sicherheit zu wiegen).
Trump fasst nunmehr jenen gewaltsam herbeigeführten Regimewechsel ins Auge, dem er vor seiner Wahl publikumswirksam abschwor. Nur dass er ihn zum Unterschied von seinen Vorgängern, den Präsidenten Bush Vater und Sohn, nicht mit Truppen auf dem Boden begleiten will. Ob das iranische Regime nun die Waffen fallen lässt oder sich nach dem Tod ihrer Führer, den es wohl einkalkulieren musste, umso verbissener wehrt, bleibt abzuwarten. Aber es ist zu vermuten, dass es nicht kapituliert, obwohl das dem Volk von Iran zu wünschen wäre.
Die New York Times, in Stunden des Krieges sonst stets fest an der Seite ihrer Regierung, fragte ihren Präsidenten, was er für einen Plan habe. »Mr. Trump (…) sagt dem amerikanischen Volk und der Welt, dass er ihr blindes Vertrauen erwartet. Dieses Vertrauen hat er nicht verdient. (…) Er lügt ständig, auch über die Ergebnisse des Angriffs auf Iran im Juni.«
Es ist nicht abwegig, hinter den Motiven der beiden aggressiven Präsidenten Donald Trump und Benjamin Netanjahu nicht nur das Motiv zu sehen, den Feind in dessen schwacher Stunde weiter zu schwächen. Sie denken beide auch an ihr innenpolitisches Schicksal, beiden stehen Wahlen bevor, die über ihr weiteres politisches Schicksal entscheiden. Der notorisch korrupte Trump verteidigt zudem seine Geschäftsinteressen in Nahost, bei jenen Scheichs, die ihn und seinen Clan reich beschenken und mit Milliardengeschäften verwöhnen.
So bleibt in einer schweren Stunde des Krieges wieder die Gewissheit, dass die Großen erbarmungslos mit den Menschen spielen und dabei zuerst nicht deren, sondern ihre eigenen Interessen im Auge haben.
Haben Sie trotzdem eine schöne Woche,