Eine schon in meinen Jugendzeiten praktizierte, zwischenzeitlich vernachlässigte, in den letzten Jahren aber wieder beherzt aufgenommene Lieblingstätigkeit von mir besteht darin, in Museeen rumzustehen und abzuhängen. In besagter juveniler Vergangenheit handelte es sich dabei vor allem um solche moderner Kunst. Mittlerweile hat sich mein Interesse etwas Richtung Mittelalter und Frühe Neuzeit verschoben, weil man schon sagen muss: Die Kunst des 20. Jahrhunderts wird – trotz einiger herausragender Protagonisten wie Edward Hopper, Francis Bacon oder F.K. Waechter – doch einigermaßen überschätzt (allen voran: dieser furchtbare Picasso!)
Die Attraktivität des Rumstehens und Abhängens in Museen verdankt sich dabei nicht nur den dort ausgestellten Exponaten, sondern auch der Architektur. Wobei ich damit nicht nur und in erster Linie die Bauten von Signature-Architecture-Heroen wie Frank Lloyd Wright, Piano/Rogers oder Frank Gehry meine, sondern auch zeitgenössische Gebäude, deren Architekten selbst die durchaus Interessierten wohl kaum parat hätten.
Ich jedenfalls hätte nicht zu sagen gewusst, dass das Museum der bildenden Künste in Leipzig (MdbK) vom Team Hufnagel / Pütz / Rafaelian und das Kunstmuseum Stuttgart von Rainer Hascher und Sebastian Jehle entworfen wurde. Ich erwähne die beiden Bauten, weil sie für mich Beispiele für eine ausgesprochen geglückte Museumsarchitektur darstellen, die einerseits durchaus selbstbewusst und -ständig ist, sich aber andererseits auch nicht eitel in den Vordergrund spielt und ihre dienende Funktion gegenüber den Exponaten aufs Überzeugendste erfüllt.
In Stuttgart war ich erst dieser Tage aus beruflichen Gründen, aber mit immerhin fast zwei halben Tagen zur freien Verfügung. Ich habe sie genutzt, um mir eine Strickkrawatte zu kaufen, Maultaschen zu essen und natürlich ins Museum zu gehen (letzteres war entschieden am zeitaufwendigsten). Verbunden war der Kurzbesuch in der Hauptstadt von Baden-Württemberg mit einem einschneiden Raumerlebnis zweier Architekturen, wie sie unterschiedlicher kaum ausfallen können. Mein Shoppingausflug führte mich nämlich auch ins Kaufhaus Breuninger, wo ich bereits nach zehn Minuten von zarten Panikattacken heimgesucht wurde.
An sich sollten Kaufhäuser ja eine zum Verweilen und Konsumieren anregende Wohlfühlatmosphäre erzeugen. Das funktioniert bei mir aber oft nicht, weil ich mit einem Orientierungssinn ausgestattet bin, der dem einer Qualle gleicht, und weil ich es absolut hasse, wenn ich ewig herumirren muss, um zum Ausgang, zur abwärts führenden Rolltreppe oder zum „Candy Tunnel" zu finden, der im Breuninger Stuttgart die Kindersocken- mit der Erwachsenensockenabteilung verbindet. Die Architekten, die sich das haben einfallen lassen, gehören doch geteert und gefedert!
Das in Glas, Stahl und Beton ausgeführte Gegenteil des Kaufhauses Breuninger ist das Kunstmuseum Stuttgart, das in diesem Jahr ein doppeltes Jubiläum begeht, nämlich einerseits das hundertjährige Bestehen seiner Sammlung und den 20. Geburtstag des Neubaus im westlichen Eck des Schlossplatzes. Die aktuelle Jubiläumsschau trägt übrigens den schönen Titel „Doppelkäseplatte", was schon einmal für eine gewisse Humorbegabung der Ausstellungsmacher spricht.
Humor und Esprit in der Kunst setzt sich leider vielfach dem Verdacht aus, dass hier nicht tief genug gedacht und gefühlt wurde. Ich bin allerdings immer dankbar, wenn ich im Museum, in einer Kunsthalle oder Galerie was zu lachen habe. Geradezu abhauen musste ich mich etwa über die „Goethe-Latte" von Georg Herold, einer sehr schlichten Installation zweier ziemlich unscheinbarer Latten; auf der einen steht „Goethe", auf der anderen, deutlich kürzeren: „Im Vergleich dazu irgendein Scheißer". Ähnlich meine Reaktion auf Andreas Fischers kinetische Skulptur „Rabenrohr", der ich im Museum Ludwig in Köln begegnet bin. Aber sehen (und hören) Sie selbst. Und da sage noch einer, „die Deutschen" hätten keinen Humor!
Lachen musste eine Besucherin der „Doppelkäseplatte" auch über Pia Maria Martins Stop-Motion-Trickfilm „Kalakeittos" (2003), der zeigt, wie der Kopf und die Krallen eines Huhnes aus dem Mistkübel hüpfen, um sich dann am Küchentisch mittels Spickspieß und Faden mit dem als Brathuhn zugerichteten Restkörper wieder zu einem ganzen Tier zusammenzunähen.
Das Kunstmuseum Stuttgart verfügt unter anderem über bedeutende Bestände aus dem Schaffen des von den Nazis als „entartet" verfemten Malers Otto Dix, berühmt für seine erschütternd harten und grellen Sujets aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik sowie aus jenem von Willi Baumeister, der vor allem für seine gegenstandslose Malerei bekannt ist und dessen heiteres, an Künstler wie Joan Miró und Hans Arp erinnerndes Spätwerk ich besonders mag.
In der historischen Sammlung des Kunstmuseums gibt es noch einiges zu bewundern – zum Beispiel die fantastischen Ansichten des elektrifizierten Stuttgart, die Reinhold Nägele, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, gemalt hat. Die Entdeckung für mich aber war die Grafikerin/Malerin mit dem knorrigen Namen Romane Holderried Kaesdorf (1922–2007), die, sieht man von ihrem Studium an der Akademie Stuttgart ab, ihr Leben in ihrer Geburtsstadt Biberach verbracht hat und dort auch gestorben ist.
Die einen Querschnitt durch vier Jahrzehnte ihres Œuvres umfassende Schau „Haltung bewahren" hat mich richtig geflasht und mehrfach zum Kichern, Kudern und hellem Auflachen gebracht. Dabei ist der Humor der Künstlerin ein durchaus leiser und hintergründiger. Die Szenarien ihrer Arbeiten sind überschaubar: Männer und Frauen machen irgendwas in Innenräumen. Körper, Dinge und Möbelstücke wie Bretter, Stühle, Tische, Sofas oder Buffets geraten in eigenartige Konstellationen. Hier macht sich der Einfluss der späten Stücke Samuel Becketts bemerkbar, die stark mit Rauminszenierungen arbeiten und in Richtung Performancekunst tendieren.
Entscheidenden Anteil am Witz der Arbeiten haben die Titel, die meist gut lesbar im Bild oder am Bildrand festgehalten und oft schon in sich komisch sind: „1 Frau mit einer gelben Bluse, einer schwarzen Hose und einem Mann" (1984) – im Übrigen eine der ganz wenigen Arbeiten nach 1976, in denen sich überhaupt noch Figuren männlichen Geschlechts finden. Die Künstlerin soll zwar von sich behauptet haben, keine Feministin zu sein, aber es gibt ja auch Selbstmissverständnisse.