Am 20. September gehen in Uruguay 2.901 Rinder, davon rund die Hälfte trächtig, an Bord des Schiffs „Spiridon II“. Seither irrt der Frachter über weite Strecken als Geisterschiff über den Ozean. Wo sind die Rinder jetzt? Befinden sich überhaupt noch Tiere an Bord? Wie viele wurden tot ins Meer geworfen? Wie viele leben noch?
Zu all dem gibt es keine gesicherten Antworten. Die Spiridon II ist zu einem Symbol für das Leid und die Missstände auf Schiffstiertransporten geworden. Und diese sind nicht irgendein fernes Problem: Denn auch Österreich schickt Jahr für Jahr Rinder, viele mit einem Kalb im Bauch, auf wochenlange Reisen, auch mit dem Schiff: vor allem nach Algerien, aber auch Tunesien.
Folgendes haben Tierschutzorganisationen wie die Animal Welfare Foundation und das österreichische Investigativteam The Marker über die Spiridon dokumentiert: Erst mussten die Rinder die einmonatige Überfahrt von Montevideo bis ins türkische Bandırma überstehen. Dort verweigerten die Behörden die Ausladung der erschöpften Tiere, da die Ohrmarken von 469 Rindern nicht in den Importlisten aufgeführt waren. 58 Tiere waren da bereits tot. 140 Rinder hatten unterwegs ihre Kälber geboren, 90 davon sind nicht auffindbar.
Die Behörden ordnen an, dass die Spiridon II vor der Küste ankern soll, weil sich Anrainer*innen über Gestank und Insekten beschwert hätten. Hier bleibt das Schiff nun wochenlang. Längst ist kein Tierarzt mehr an Bord. Die Zustände auf dem Schiff müssen da bereits sehr schlimm sein: Der Mist häuft sich an, die Ammoniakbelastung steigt, verstorbene Kühe können nicht vom Schiff gebracht werden.
Am 9. November darf das Schiff kurz anlegen, um Futter und Wasser zu laden. Auf Fotos und Videos sind Berge von weißen Säcken auf dem oberen Deck zu sehen: Die Tierschutz-NGOs vermuten, dass sie tote Rinder beinhalten.
Am 14. November legt das Schiff wieder ab – es soll zurück an seinen Startort nach Uruguay fahren. Erwartete Ankunft: 14. Dezember. Auf Höhe der tunesischen Küste schaltet die Crew jedoch den Seefunkkanal ab, vergangenen Freitag taucht das Schiff in Libyen wieder auf, vor dem Hafen von Bengasi. Am Sonntag sollen beladene Tiertransporter das Hafengelände verlassen haben.
Am Montag verlässt die Spiridon II Bengasi. Wieder schaltet sie das Funksignal aus. Ob noch Tiere auf dem Schiff sind, ist unklar. Auf einem Satellitenbild sind keine weißen Säcke mehr an Deck. Laut der Schiffstierärztin Lynn Simpson deutet das darauf hin, dass die Kadaver im Mittelmeer entsorgt wurden. Auch die Gülle, die sich über zwei Monate angesammelt hat, sei wohl während der Funkabschaltungen illegal abgelassen worden. Beides wäre ein klarer Verstoß gegen das internationale Meeresschutzabkommen MARPOL.
Gestern, Donnerstag, ist die Spiridon II im Libanon angekommen und ankert nun am Hafen von Beirut. Ob noch Tiere an Bord sind, ist unklar.
Keine Behörde fühlt sich zuständig, niemand hat sich in all den Wochen um die Tiere gekümmert.
Dabei war all das absehbar, die Risiken von Schiffstransporten sind hinlänglich bekannt. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat hier eine „Chronologie des Grauens“ von Tiertransporten besonders auf Hochseeschiffen dokumentiert. 2021 etwa waren 2.700 aus Spanien verschiffte Rinder auf den Frachtern Karim Allah und Elbeik gefangen. Fast drei Monate irrten die Rinder über das Mittelmeer. Ein Teil von ihnen starb qualvoll auf dem Schiff; Überlebende wurden auf Anordnung der Behörden getötet. Sinnlosigkeit kann sich kaum deutlicher zeigen.
Kurz darauf steckten elf Frachter im Suezkanal fest. An Bord: 130.000 Schafe. Im heurigen April kenterte ein Schiff im Jemen, ein Video zeigt, wie Dutzende Schafe im Meer treiben.
Auch in Österreich sind es häufig trächtige Rinder, die erst per Lkw an einen Hafen gebracht und dort auf Schiffe verladen werden. So landeten in den vergangenen Jahren bereits an die 70.000 Rinder in Algerien. Die Rinderzucht Austria argumentiert, die Tiere seien ausschließlich für den Aufbau eigener Herden in den Drittländern bestimmt.
Allerdings werden immer wieder Zweifel daran laut: Den heimischen Rindern sei es in diesen Ländern zu heiß, und vom Herdenaufbau sei nun auch schon ziemlich lange die Rede. Für die Tiere ist es außerdem egal, zu welchem Zweck sie verschifft werden: Sie leiden (FALTER-Berichte über weite Tiertransporte, Argumente der beiden Seiten und betäubungslose Schächtungen in den Zielländern finden Sie hier, hier und hier.)
Und die Zahlen steigen. 2024 wurden laut dem Jahresbericht der Rinderzucht Austria 3.275 Rinder nach Nordafrika exportiert. Heuer waren es allein im ersten Halbjahr 5.880 Tiere, der Großteil ging nach Algerien. Aber auch mit Tunesien erhoffen sich die Züchter*innen zusätzliche Geschäfte.
Auf EU-Ebene wird bereits seit mehreren Jahren über eine neue Tiertransport-Verordnung verhandelt. Die Kommission will etwa Zulassungsbestimmungen für Transportschiffe verschärfen. Außerdem müssten Kälber künftig mindestens fünf Wochen alt sein, bevor sie verschickt werden dürfen, anstatt wie derzeit zehn Tage.
Der Vorschlag habe aber auch große Lücken, so der steirische EU-Parlamentarier Thomas Waitz (Grüne), der das Gesetz mitverhandelt: „Der Transport am Schiff soll weiterhin nicht als Transportzeit gerechnet werden, was bedeutet, dass Tiere weiterhin Wochen und Monate auf Tiertransportschiffen verbringen können.“ Doch selbst dieser weiche Entwurf geht vielen Mitgliedsstaaten und Fraktionen noch zu weit: Sowohl im Rat als auch im Europaparlament stecken die Verhandlungen fest.
Wir müssen also davon ausgehen, dass sich Tragödien wie jene auf Spiridon II wiederholen werden. Und auch österreichische Rinder an Bord sein könnten.
Inzwischen haben Tierschützer*innen schon wieder Neuigkeiten: Am 20. November um 2:06 Uhr Ortszeit ist das Transportschiff „Atlantic Rose“, beladen mit 7.000 Rindern, vom Hafen Montevideo aufgebrochen. Es befindet sich derzeit in der Nähe der brasilianischen Küste. Am 12. Dezember um 15 Uhr Ortszeit wird es im türkischen Hafen Tasucu erwartet.
Ein schönes Wochenende wünscht