✍Wer die Causa Roland Weißmann verstehen will, muss einen anderen Fall von schwerem Machtmissbrauch im ORF kennen, für den sich die Öffentlichkeit nur am Rande interessiert hat. Aus einfachem Grund: Die Namen des Opfers und des – durchaus prominenten – Täters wurden wegen des Opferschutzes medial nie genannt. Ich habe die Geschichte dieser ORF-Managerin vor gut zwei Jahren recherchiert und aufgeschrieben. Die Ausgang…
FALTER.maily - Der fast tägliche Newsletter
Guten Abend!
(Dieser ALT-Text wurde mithilfe von KI erstellt) Mann im Profil vor unscharfem ORF-Banner mit der Aufschrift „ORF WIE WIR“ auf rotem Hintergrund.
ORF-Chef Roland Weißmann (hier bei einem APA-Interview im Jahr 2022) wird sexuelle Belästigung vorgeworfen (Foto: APA/ Eva Manhart)

Wer die Causa Roland Weißmann verstehen will, muss einen anderen Fall von schwerem Machtmissbrauch im ORF kennen, für den sich die Öffentlichkeit nur am Rande interessiert hat. Aus einfachem Grund: Die Namen des Opfers und des – durchaus prominenten – Täters wurden wegen des Opferschutzes medial nie genannt.

Ich habe die Geschichte dieser ORF-Managerin vor gut zwei Jahren recherchiert und aufgeschrieben. Die Ausgangslage: Nach ihrer Babykarenz kommt es zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten zu Spannungen. So weit, so gewöhnlich. Aber der Chef reagiert unprofessionell. Er sexualisiert die Arbeitsbeziehung und spielt immer öfter seine Macht aus. Erzählungen über Sexträume mit ihr oder etwa „wie geil“ es wäre, „zum ORF-TVthek-Trailer Sex“ zu haben, seien der „laufende Umgangston“ gewesen, erinnert sich die Managerin später vor Gericht. „Ohne mich bist du gar nichts“, ist noch so ein Satz, den sie zu hören bekam.

Die Frau ging den „normalen" Weg, den der ORF im Fall von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung durch einen Vorgesetzten anbietet. 2019 wandte sie sich an den Betriebsrat, an den gemeinsamen Vorgesetzten und an die ORF-interne Gleichbehandlungskommission. Die wich einem eindeutigen Urteil aus. Aber sie hielt ein Fehlverhalten des Vorgesetztes für so plausibel, dass sie eine Mediation für beide und eine Gender-Nachschulung für ihn empfahl. Dann wurde die Frau auf ihren Wunsch im Haus versetzt, dabei aber beruflich deutlich schlechter gestellt. Das verstößt gegen das Gleichbehandlungsrecht. Als sie sich dagegen wehrte, ging es erst richtig los.

Ich kürze an dieser Stelle ab: Nach zweieinhalb Jahren Rechtsstreit vor dem Arbeitsgericht wurde die ORF-Managerin mitten im laufenden Verfahren entlassen. Inzwischen liegt ein Vergleich vor. Sie musste sich einen neuen Job suchen. Der Vorgesetzte ist zurück im ORF, als Stiftungsrat. Er wird im ORF-Flurfunk als Kandidat für die steirische ORF-Landesdirektion gehandelt.

Jetzt stellen Sie sich einmal vor: sie sind einfache ORF-Mitarbeiterin und werden vom Oberoberchef belästigt. Er textet Anzügliches, schickt Fotos, gibt keine Ruhe. Würden Sie nach all dem, was Sie über das Schicksal jener ORF-Managerin wissen, den internen ORF-Instanzen zur Aufklärung von MeToo-Fällen vertrauen?

Oder würden Sie sich eher denken: Im ORF wurden in der Vergangenheit Frauen, die sich beschwerten, zu oft mit Zahlungen und Schweigeklauseln ruhig gestellt oder mussten gehen. Während Männer weiter an ihrer Karriere schrauben konnten?

Die Jahresberichte der ORF-Gleichstellungsbeauftragten werden von Jahr zu Jahr umfangreicher. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft im Kanzleramt prüft mehrere ORF-Fälle. Auch die eingangs beschriebene ORF-Managerin wandte sich an sie und bekam Recht. Das Thema ist virulent – und hat System. Dabei sind Genderschulungen für ORF-Führungskräfte inzwischen Standard. Auch der Chef jener ORF-Managerin hatte schon zwei gemacht, bevor er ausfällig wurde.

Die Frau, die jetzt den Fall Weißmann ins Rollen gebracht hat, will nicht mit Medien sprechen. Das ist ihr gutes Recht als mutmaßliches Opfer. Ich kenne deshalb ihre Geschichte nicht im Detail. Aber es ist für mich absolut nachvollziehbar, dass sie nicht den üblichen Beschwerde-Weg gehen wollte. In der heutigen Sitzung des Stiftungsrates wurde ein Brief von ihr verlesen. Darin macht sie explizit auf die schwachen Opfer-Institutionen im ORF aufmerksam.

Sie wollte erreichen, was ihren Kolleginnen zuvor nicht gelungen ist: Dass nicht sie das Unternehmen verlassen muss, sondern jener Mann, der mutmaßlich Dinge getan hat, die sich ein hochrangiger ORF-Mann nicht leisten darf. Sie ließ sich dafür gut beraten. Sie nahm sich einen Anwalt und legte ihre Causa gleich direkt den höchsten Aufsichtsgremien der ORF vor. Jener Instanz, die Weißmann kontrolliert.

Als Entschädigung verlangte sie seinen Rücktritt und eine Spende an Frauenhäuser. Die Vorsitzenden des Stiftungs- und Publikumsrates sichteten das Material und hielten es für belastend genug, um aktiv zu werden. Sie gaben Weißmann drei Tage Zeit, aufzuklären, was da passiert ist. Er entschied sich, zurückzutreten und den Rest von Gerichten bewerten zu lassen.

Das ist ein wichtiger Systembruch. Dank dieser Frau wird jetzt erstmals breit über Sexismus und strukturellen Machtmissbrauch im ORF gesprochen. Und über das Selbstverständnis männlicher ORF-Spitzenkräfte. Offenbar wollen sie auch im Jahr 2026 nicht verstehen, das Berufliches von Privatem streng zu trennen ist, und ihnen unterstellte Mitarbeiterinnen generell tabu sind.

Es sind die gleichen ORF-Spitzenkräfte, die jetzt raunen, die Causa Weißmann sei in Wahrheit doch nur eine „Intrige“. Die Frau soll doch davor mit Weißmann eine „einvernehmliche Bekanntschaft unter Erwachsenen“ gehabt haben. Ja und? Ist sexuelle Belästigung etwa ok, wenn sie vom Ex kommt? Sie streuen auch: Die Frau werde doch nur von einem anderen mächtigen ORF-Manager, Pius Strobl, instrumentalisiert. Haben die beiden nicht den gleichen Anwalt? Ja, haben sie. Strobl hat mit Weißmann auch noch eine Rechnung offen, dabei geht es um seine (stolzen) Abfertigungsansprüche. Ansprüche, die denen von Weißmann um nichts nachstehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als Journalistin bin ich sehr dankbar für diese stümperhaften Versuche der ORF-Spitze, vom Fall Weißmann abzulenken, indem sie die Causa zu einem Ränkespiel umdeuten. Und Weißmann vom mutmaßlichen Täter zum Opfer. Warum? Weil es mir vorführt, wie diese Männer die aktuell betroffene Frau und vermutlich Frauen generell sehen: als steuerbare Schachfiguren in ihren Machtkämpfen.

Übrigens: Weißmann stand im Fall der ORF-Managerin als Zeuge drei Mal vor dem Arbeitsgericht. Und unterstütze sie in ihrem Kampf um Gleichbehandlung null. Aus seiner Sicht wollte sie nur mit der „Frauenkeule“ daherkommen.

Einen entspannten Abend wünscht

Bild von Barbara Tóth
Ihre Barbara Tóth

Heute für Sie auf falter.at:

Nur noch zwei Monate bis zum Ereignis des Jahres für Song-Contest-Fans: Mitte Mai geht der Eurovision Song Contest 2026 über die Bühne. Dem österreichischen Beitrag werden zwar nur Chancen auf einen Platz im Mittelfeld eingeräumt, das tut der Begeisterung aber keinen Abbruch. Wir haben aber auch Fragen: Wie steht es um die Sicherheit? Gibt es genügend Klos? Was kostet der Spaß? Anna Goldenberg und Daniela Krenn haben die wichtigsten gesammelt und beantwortet.

Nur noch dreimal Schlafen bis zum Fixpunkt des Jahres für Hollywood-Aficionados: In der Nacht zum Montag werden in Los Angeles die Academy Awards, a.k.a. Oscars vergeben. Wer sie bekommt, weiß nicht einmal die Falter-Filmredaktion – wen sie damit auszeichnen würde, aber sehr wohl. Hier ist die Vorab-Auswahl von Michael Omasta und Sabina Zeithammer.

Noch ziemlich lange bis zum Beginn der liebsten Zeit der Reiselustigen: Auf den Sommer müssen wir noch ein Vierteljahr warten. Aber es gibt Möglichkeiten, schon jetzt in die Ferne zu fahren – mit einem Schiffchen, das Nina Kaltenbrunner für Sie gebastelt hat. Und zwar aus Melanzani-Hälften, abgeschmeckt mit Misopaste, Sojasauce, Chili, Jungzwiebelgrün und Koriander für den Frischekick.


Noch mehr mutige Frauen

Wenn Sie den Fall der ORF-Managerin im Detail nachlesen wollen, können Sie das hier. Wir haben den Artikel aus aktuellem Anlass freigeschaltet.

Es gehört viel Mut dazu, über den Kampf gegen Missbrauch durch Vorgesetzte öffentlich zu sprechen. Ich danke allen Frauen, die das im Falter getan haben.

2021 machten zwei ehemalige Moderatorinnen von oe24.at öffentlich, wie Wolfgang Fellner sie behandelt hat. Ihre Geschichte finden Sie hier.


Podcast

Wie der Rückzug des Generaldirektors wenige Monate vor der regulären Neuwahl der ORF-Führung den öffentlich-rechtlichen durcheinanderwirbelt, analysiere ich im FALTER Radio mit ORF-Stiftungsrat Leonhard Dobusch. Und der hat sich im Gespräch kein Blatt vor den Mund genommen.


Theater

Wie schwierig es ist, Fälle von sexualisierter Gewalt gerichtlich zu ahnden, ist Thema des Buches „Prima Facie“ der britisch-australischen Autorin, Dramatikerin und Anwältin Suzie Miller. Der Roman handelt von der Strafverteidigerin Tessa, deren Spezialgebiet Männer sind, die aufgrund sexueller Übergriffe vor Gericht stehen. Und sie ist sehr erfolgreich in ihrem Job. Bis sie selbst Opfer einer Vergewaltigung wird. Eine Inszenierung des Buches ist derzeit auch im Wiener Volkstheater zu sehen.

Anzeige

Anzeigenbild

Vielfältige Falter

Wien summt, fliegt, krabbelt und flattert! Zwischen Parks, Innenhöfen, Gärten und Straßen lebt eine artenreiche Insektenwelt. Dominique Zimmermann lädt in dem Buch 50 Wiener Insekten naturinteressierte Leser:innen dazu ein, die kleinen, oft übersehenen Mitbewohner:innen der Stadt in fünfzig liebevoll gestalteten Porträts neu kennenzulernen. 

Ergänzt werden die Insektenporträts durch ein Glossar und wunderschönen Illustrationen von Silvia Ungersböck.

faltershop.at


Wie fanden Sie diese Ausgabe?
Nur durch Ihr Feedback können wir unseren Newsletter verbessern.

Sehr gut | Gut | Weniger gut | Schlecht

FALTER.maily Logo
Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: abo.falter.at
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.
Unser FALTER.maily-Archiv finden Sie auf falter.at/maily.
Sie wollen in unserem Newsletter Werbung schalten? Alle Informationen finden Sie hier.
Teilen via FacebookTeilen via BlueskyTeilen via E-MailTeilen via WhatsApp
Sie sind bei unserem Newsletter mit folgender E-Mail-Adresse eingetragen: julia.est@gmail.com

Profil und Newsletter-Abos verwalten

Von allen Newslettern abmelden

Medieninhaber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Str. 9, 1011 Wien
FB: 123082d HG Wien
Impressum/Offenlegung
Datenschutz