Wer die Causa Roland Weißmann verstehen will, muss einen anderen Fall von schwerem Machtmissbrauch im ORF kennen, für den sich die Öffentlichkeit nur am Rande interessiert hat. Aus einfachem Grund: Die Namen des Opfers und des – durchaus prominenten – Täters wurden wegen des Opferschutzes medial nie genannt.
Ich habe die Geschichte dieser ORF-Managerin vor gut zwei Jahren recherchiert und aufgeschrieben. Die Ausgangslage: Nach ihrer Babykarenz kommt es zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten zu Spannungen. So weit, so gewöhnlich. Aber der Chef reagiert unprofessionell. Er sexualisiert die Arbeitsbeziehung und spielt immer öfter seine Macht aus. Erzählungen über Sexträume mit ihr oder etwa „wie geil“ es wäre, „zum ORF-TVthek-Trailer Sex“ zu haben, seien der „laufende Umgangston“ gewesen, erinnert sich die Managerin später vor Gericht. „Ohne mich bist du gar nichts“, ist noch so ein Satz, den sie zu hören bekam.
Die Frau ging den „normalen" Weg, den der ORF im Fall von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung durch einen Vorgesetzten anbietet. 2019 wandte sie sich an den Betriebsrat, an den gemeinsamen Vorgesetzten und an die ORF-interne Gleichbehandlungskommission. Die wich einem eindeutigen Urteil aus. Aber sie hielt ein Fehlverhalten des Vorgesetztes für so plausibel, dass sie eine Mediation für beide und eine Gender-Nachschulung für ihn empfahl. Dann wurde die Frau auf ihren Wunsch im Haus versetzt, dabei aber beruflich deutlich schlechter gestellt. Das verstößt gegen das Gleichbehandlungsrecht. Als sie sich dagegen wehrte, ging es erst richtig los.
Ich kürze an dieser Stelle ab: Nach zweieinhalb Jahren Rechtsstreit vor dem Arbeitsgericht wurde die ORF-Managerin mitten im laufenden Verfahren entlassen. Inzwischen liegt ein Vergleich vor. Sie musste sich einen neuen Job suchen. Der Vorgesetzte ist zurück im ORF, als Stiftungsrat. Er wird im ORF-Flurfunk als Kandidat für die steirische ORF-Landesdirektion gehandelt.
Jetzt stellen Sie sich einmal vor: sie sind einfache ORF-Mitarbeiterin und werden vom Oberoberchef belästigt. Er textet Anzügliches, schickt Fotos, gibt keine Ruhe. Würden Sie nach all dem, was Sie über das Schicksal jener ORF-Managerin wissen, den internen ORF-Instanzen zur Aufklärung von MeToo-Fällen vertrauen?
Oder würden Sie sich eher denken: Im ORF wurden in der Vergangenheit Frauen, die sich beschwerten, zu oft mit Zahlungen und Schweigeklauseln ruhig gestellt oder mussten gehen. Während Männer weiter an ihrer Karriere schrauben konnten?
Die Jahresberichte der ORF-Gleichstellungsbeauftragten werden von Jahr zu Jahr umfangreicher. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft im Kanzleramt prüft mehrere ORF-Fälle. Auch die eingangs beschriebene ORF-Managerin wandte sich an sie und bekam Recht. Das Thema ist virulent – und hat System. Dabei sind Genderschulungen für ORF-Führungskräfte inzwischen Standard. Auch der Chef jener ORF-Managerin hatte schon zwei gemacht, bevor er ausfällig wurde.
Die Frau, die jetzt den Fall Weißmann ins Rollen gebracht hat, will nicht mit Medien sprechen. Das ist ihr gutes Recht als mutmaßliches Opfer. Ich kenne deshalb ihre Geschichte nicht im Detail. Aber es ist für mich absolut nachvollziehbar, dass sie nicht den üblichen Beschwerde-Weg gehen wollte. In der heutigen Sitzung des Stiftungsrates wurde ein Brief von ihr verlesen. Darin macht sie explizit auf die schwachen Opfer-Institutionen im ORF aufmerksam.
Sie wollte erreichen, was ihren Kolleginnen zuvor nicht gelungen ist: Dass nicht sie das Unternehmen verlassen muss, sondern jener Mann, der mutmaßlich Dinge getan hat, die sich ein hochrangiger ORF-Mann nicht leisten darf. Sie ließ sich dafür gut beraten. Sie nahm sich einen Anwalt und legte ihre Causa gleich direkt den höchsten Aufsichtsgremien der ORF vor. Jener Instanz, die Weißmann kontrolliert.
Als Entschädigung verlangte sie seinen Rücktritt und eine Spende an Frauenhäuser. Die Vorsitzenden des Stiftungs- und Publikumsrates sichteten das Material und hielten es für belastend genug, um aktiv zu werden. Sie gaben Weißmann drei Tage Zeit, aufzuklären, was da passiert ist. Er entschied sich, zurückzutreten und den Rest von Gerichten bewerten zu lassen.
Das ist ein wichtiger Systembruch. Dank dieser Frau wird jetzt erstmals breit über Sexismus und strukturellen Machtmissbrauch im ORF gesprochen. Und über das Selbstverständnis männlicher ORF-Spitzenkräfte. Offenbar wollen sie auch im Jahr 2026 nicht verstehen, das Berufliches von Privatem streng zu trennen ist, und ihnen unterstellte Mitarbeiterinnen generell tabu sind.
Es sind die gleichen ORF-Spitzenkräfte, die jetzt raunen, die Causa Weißmann sei in Wahrheit doch nur eine „Intrige“. Die Frau soll doch davor mit Weißmann eine „einvernehmliche Bekanntschaft unter Erwachsenen“ gehabt haben. Ja und? Ist sexuelle Belästigung etwa ok, wenn sie vom Ex kommt? Sie streuen auch: Die Frau werde doch nur von einem anderen mächtigen ORF-Manager, Pius Strobl, instrumentalisiert. Haben die beiden nicht den gleichen Anwalt? Ja, haben sie. Strobl hat mit Weißmann auch noch eine Rechnung offen, dabei geht es um seine (stolzen) Abfertigungsansprüche. Ansprüche, die denen von Weißmann um nichts nachstehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Als Journalistin bin ich sehr dankbar für diese stümperhaften Versuche der ORF-Spitze, vom Fall Weißmann abzulenken, indem sie die Causa zu einem Ränkespiel umdeuten. Und Weißmann vom mutmaßlichen Täter zum Opfer. Warum? Weil es mir vorführt, wie diese Männer die aktuell betroffene Frau und vermutlich Frauen generell sehen: als steuerbare Schachfiguren in ihren Machtkämpfen.
Übrigens: Weißmann stand im Fall der ORF-Managerin als Zeuge drei Mal vor dem Arbeitsgericht. Und unterstütze sie in ihrem Kampf um Gleichbehandlung null. Aus seiner Sicht wollte sie nur mit der „Frauenkeule“ daherkommen.
Einen entspannten Abend wünscht