✍Nun ist es auch schon wieder 80 Jahre (und 18 Tage) her, dass Winston Churchill seine berühmte Rede am Westminster College in Fulton, Missouri hielt (eine Videoaufzeichnung davon kann man hier nachsehen). Am 5. März 1946 sprach sich Churchill, der die Unterhauswahlen im Jahr zuvor verloren hatte und als Premierminister des Vereinigten Königreichs vom Labour-Mann Clement Attlee abgelöst worden war, darin für den „brü…
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Guten Abend Gerlinde Pölsler!
(Dieser ALT-Text wurde mithilfe von KI erstellt) Porträt eines Mannes mit braunen Haaren, Schnurrbart und braunem Jackett vor einfarbig blauem Hintergrund.
George Orwell, Totalitarismuskritiker und Krötenfreund. Koloriertes Foto von ca. 1940 (Foto: Creative Commons)

Nun ist es auch schon wieder 80 Jahre (und 18 Tage) her, dass Winston Churchill seine berühmte Rede am Westminster College in Fulton, Missouri hielt (eine Videoaufzeichnung davon kann man hier nachsehen). Am 5. März 1946 sprach sich Churchill, der die Unterhauswahlen im Jahr zuvor verloren hatte und als Premierminister des Vereinigten Königreichs vom Labour-Mann Clement Attlee abgelöst worden war, darin für den „brüderlichen Zusammenhalt der englischsprachigen Völker" aus – womit die Allianz des United Kingdom mit den USA gemeint war. Aufgekündigt hingegen wurde jene mit der Sowjetunion unter Stalin, dem Bündnispartner gegen Hitler – eine Wendung, die auch der Ausspruch „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet" belegen soll, den man dem britischen Staatsmann freilich unterschoben hatte (wobei Churchill offenbar überhaupt ein besonders beliebtes Zielobjekt für sogenannte „Kuckuckszitate" war).

Die Trope, die Churchill tatsächlich bemühte, sollte zu einer der wirkungsmächtigsten Polit-Metaphern des 20. Jahrhunderts werden. Sie ist auch der Grund, warum besagte Fulton Lecture nicht unter ihrem offiziellen Titel „Sinews of Peace" (dt.: „Die Sehnen des Friedens"), sondern als „Iron Curtain Speech" Berühmtheit erlangte. Ein „Eiserner Vorhang" ziehe sich, so Churchill, „von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria", durch den „alle Hauptstädte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia […] nicht nur dem sowjetrussischen Einfluß ausgesetzt, sondern auch in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen" seien.

Es verwundert nicht, dass diese Rede, wenn schon nicht als Beginn so doch zumindest als rhetorischer Markstein des Kalten Krieges angesehen wird. Als Schöpfer des Begriffs gilt übrigens der mehrfach mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnete US-Reporter Herbert Bayard Swope. Dessen Freund Bernard Baruch, Berater von Präsident Roosevelt, hatte den Begriff im Juni 1947 erstmals öffentlich verwendet, ehe ihn der Publizist Walter Lippmann durch seine, im selben Jahr erschienene Schrift „The Cold War. A Study" populär machte.

35 Jahre lang war Lippmann als Kolumnist für die New York Herald Tribune tätig gewesen, nicht zu verwechseln mit der International Herald Tribune. Weniger bekannt als die renommierte Tageszeitung ist das englische Wochenmagazin Tribune, das 1937 als unabhängiges linkes Blatt gegründet worden war und sich an die Arbeiterschaft richtete. Am 19. Oktober 1945 fand sich ebendort der Artikel „You and the Atom Bomb" abgedruckt, in dem noch vor all den oben genannten Quellen von einem „kalten Krieg" die Rede war.

Tatsächlich handelt es ich bei dem genannten Artikel um die aktuelle Ausgabe einer Kolumne mit dem Titel „As I Please" („Wie es mir gefällt"), deren Verfasser niemand Geringerer war als Eric Blair, besser bekannt als George Orwell. 1943 als Literaturredakteur angeheuert, verfasste er bis zum März 1947 Beiträge für die Tribune, darunter insgesamt 80 Kolumnen. Eine Auswahl daraus ist soeben in dem Sammelband „Zeilen der Zeit" erstmals in deutscher Übersetzung erschienen.

In der Kolumne vom 19. Oktober befasst sich Orwell mit der atomaren Bedrohung und nimmt die sogenannte „MAD-Doktrin", ein Akronym für Mutual Assured Destruction, auch bekannt als „Gleichgewicht des Schreckens", um 20 Jahre vorweg. Wenn man nämlich, so Orwell, davon ausgehe, dass die Atombombe nicht massenhaft und billig hergestellt werden könne, sondern nur „zwei oder drei monströse Superstaaten" über diese verfügten, dann würde dieser Umstand „große Krieg eher verhindern – auf Kosten eines unendlichen ,Friedens, der kein Frieden ist‘." Bevor die nukleare Bedrohung die Ausrottung der Menschheit besiegeln könnte, würde sie, so Orwells Szenario, „zur Wiedereinführung der Sklaverei" „in einem unbesiegbaren Staat" führen, „der sich in einem ständigen ,kalten Krieg‘ mit seinen Nachbarn befindet."

Obwohl Orwell bereits 1950, also ganz zu Beginn des Kalten Krieges im Alter von nur 46 Jahren an den Folgen seiner Tuberkuloseerkrankung verstarb, zählt er zu den bedeutendsten Analytikern des Kalten Krieges. Seine Kritik am Totalitarismus hat nicht nur seine berühmtesten und populärsten Werke „Animal Farm" (1945) und „1984" (1949) inspiriert, sondern zieht sich als roter Faden auch durch seine Kolumnen. „Das wirklich Schreckliche am Totalitarismus", so schreibt er im Februar 1944, „besteht nicht darin, dass er Gräueltaten begeht, sondern darin, dass er das Konzept der objektiven Wahrheit vernichten will: Er geht davon aus, dass er die Vergangenheit genauso kontrollieren kann wie die Zukunft."

Ehern hält Orwell an der Existenz einer äußeren, überprüfbaren Wahrheit fest – und am unhintergehbaren journalistischen Ethos, dieser verpflichtet zu bleiben. Das Argument, man würde durch das Aussprechen unliebsamer Wahrheiten – etwa über die Verbrechen Stalins, den Hunger der Bevölkerung in Nazi-Deutschland oder anti-britische Ressentiments unter den US-Truppen – dem Feind in die Hände spielen, lässt er nicht gelten.

Von den historischen Beispielen führt ein direkter Pfad in unsere Gegenwart. Schwer zu übersehen, dass Orwells journalistische Analyse der absoluten Message Control ebenso wie das bereits in den Kolumnen entwickelte und in „1984" literarisch ausformulierte Phänomen des „Newspeak" und „Doublethink" ins ideologische Epizentrum von Trumperica zielt, dessen Propagandisten und Proponenten die Lügen, die sie in die Welt setzen, selber glauben, obwohl sie in offenkundigem Widerspruch zur Realität stehen: „Zweimal zwei ist fünf!"

Die „Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch" (so der Untertitel des Bandes) zeigen neben dem visionären Zeitdiagnostiker, der die KI antizipiert („Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben"), aber auch noch einen ganz anderen George Orwell. Die streitbare US-amerikanische Literatin und Aktivistin Rebecca Solnit, der wir den Begriff des „Mansplaining" verdanken, hat ihn in ihrem wunderbaren Buch „Orwells Rosen" gewürdigt. Es ist jener Orwell, der auch in finsteren Zeiten am 21. Jänner 1944 ein Loblied auf die Rosen singt, die er um lediglich Sixpence pro Steckling bei Woolworth gekauft hatte.

Orwell, der unverblendete Humanist und Egalitarist, war auch ein wortgewaltiger Apologet der selbstgenügsamen Naturliebe und der schlichten Freuden, die allen zur Verfügung stehen. In „Some Thoughts on the Common Toad" („Gedanken über die Gemeine Kröte"), die am 12. April 1946 erscheinen, verteidigt er mit Verve das Recht, sich am Frühling zu erfreuen und singt ein Loblied auf die Kröte, die „im Gegensatz zu Lerchen und Schlüsselblumen von den Dichtern nie so recht gewürdigt wird"; dabei habe diese „wahrscheinlich schönere Augen als jedes andere Geschöpf. Sie sind wie Gold, oder genauer gesagt: Sie gleichen dem goldfarbenen Halbedelstein, den man gelegentlich in Siegelringen findet. Sein Name ist, glaube ich, Chrysoberyll."

Bild von Klaus Nüchtern
Ihr Klaus Nüchtern

Heute für Sie auf falter.at:

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Barbara Tóth hat die Frau getroffen, die gegen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann Vorwürfe des Machtmissbrauchs erhebt. Weißmann ist inzwischen zurückgetreten, dementiert über seinen Anwalt aber alle Beschuldigungen. Was die mutmaßlich Betroffene selbst dazu zu sagen hat, lesen Sie hier.

Armin Thurnher kämpft infolge einer Kaskade von Missgeschicken mit der Technik in Form eines Parkhaus-Kassenautomaten, diagnostiziert mit Besorgnis fortschreitende Vertrottelung an sich selbst, wird dann aber gerettet und beruhigt – und verarbeitet das in seiner Seuchenkolumne.

Wir trauern: Alfred Noll, Intellektueller, Citoyen, Jurist und dem Falter in all diesen Rollen jahrzehntelang tief verbunden, ist vergangene Woche im Alter von 66 Jahren verstorben. Armin Thurnher widmet ihm einen Nachruf und würdigt Noll darin als den „wahren Staats-Anwalt“.

PS I: Mozzarella – wer liebt ihn nicht, den weißen Kugelkäse? In Wien bringen die Brüder Valentino mit ihrem „Fior di Latte“ ein Stück Apulien in den Alsergrund – und das ist nur einer von sechs Tipps für Käse-Highlights, den die Redaktion von FALTERs Best of Vienna für Sie zusammengestellt hat.

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George Orwell kocht Tee

Wie gesagt: Orwell war – trotz eines gewissen Hangs zur Askese – schlichten Genüssen äußerst aufgeschlossen. Selbstverständlich hat er auch der ur-britischen Passion des Teetrinkens eine Kolumne gewidmet und darin seine elf (in Zahlen: 11) goldenen Regeln „für die perfekte Tasse Tee" aufgestellt. „A Nice Cup of Tea" (12.01.1946) gibt Hinweise auf Qualität und Herkunft des Tees, die richtige Beschaffenheit von Kanne und Tasse oder die Zulässigkeit und Abfolge etwaiger Ingredienzien (Zuerst Milch, dann Tee; kein Zucker!!!)


George Orwell trinkt Bier

Heute ist „Stout vom Fass" (also in der Regel: Guinness) längst Standard in allen britischen Pubs. Das war aber offenbar nicht immer so. Seine Kolumne vom 9. Februar 1946 widmet Orwell dem „Moon Under Water". Der subaquatische Himmelskörper ist der Name seines Lieblingspubs: In Architektur und Einrichtung ist es „kompromisslos viktorianisch", es gibt dort „Stout vom Fass, echte Kaminfeuer, billige Mahlzeiten, einen Garten und kein Radio"; außerdem werden auch „Tabak, Aspirin und Briefmarken verkauft." Bereits auf der zweiten Seite der recht ausführlichen Exegese hat der Autor dieses Maily mit Bleistift den Satz notiert: „Dieses Pub möchte man sofort eröffnen". Das sollte auch unbedingt jemand tun, denn die Pointe der enthusiastischen Ausführungen: The Moon Under Water existierte nur in der Phantasie von George Orwell.


Orwell wartet auf den Kuckuck

Am 28. März 1947 berichtet Orwell davon, beim Spaziergang durch den Hyde Park einen knospenden Weißdorn entdeckt zu haben und gibt Ausblick auf kommende Sensationen: „Bereits in drei Wochen werden wir wieder den Kuckuck hören, der seine Stimme in der Regel um den 14. April herum erhebt." Der FaVoWa hat selbigen 2024 am 19. April zum ersten Mal gesichtet (!). Und er wird sich auch heuer wieder an der Kuckuckmeldeaktion beteiligen.


George Orwell lässt es krachen

Orwell war eine Lichtgestalt unter den Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, aber er war definitiv kein Pazifist und hatte eine nicht sonderlich politisch korrekte Einstellung gegenüber Kriegsspielzeug. „Einer der großen Vorteile, die Kinder vor dreißig Jahren hatten, war die unbeschwerte Einstellung gegenüber Schusswaffen, die damals noch vorherrschte", schreibt er am 1. Dezember 1945 und schwärmt davon, dass man selbst „noch kurz vor dem letzten Krieg […] in ein Fahrradgeschäft gehen und einen Revolver kaufen" konnte. Und dann folgt einer meiner Lieblingssätze aus „Zeilen der Zeit": „Gesunde Kinder mögen Explosionen."


Orwell und die Osterpinze

Was das anbelangt, ist leider nichts bekannt. Ich vermute aber, Orwell wäre stark pro Pinze gewesen. Womöglich hätte er Orangenmarmelade bevorzugt. Ich empfehle Butter und Marillenmarmelade. Außerdem neige ich zu der Ansicht, dass die Pinze von Ströck nicht nur günstiger ist als die in den angesagten Bobobrotbackbuden, sondern auch besser, sprich: perfekte Konsistenz. Aber das ist natürlich Geschmackssache.


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