Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber dieser Winter hat es besonders in sich. Eigentlich gehöre ich zur Gruppe jener, die sich über jede Jahreszeit freuen können (wer weiß, wie lange wir sie noch haben!). Doch wenn mein Fahrrad länger als ein paar Tage im Schuppen stehen bleiben und ich selbst meinen Hund zum Spazierengehen überreden muss, endet auch meine Kulanz.
Mit dem kalten Wetter kommt verlässlich auch eines: rechte Politiker:innen und Online-Trolle, die sich lustig machen über das, was viele Wissenschaftler:innen als „größte Bedrohung des Jahrhunderts“ bezeichnen. Und Sätze wie „Das soll jetzt der Klimawandel sein?“ posten, inklusive Bildern von Schnee schaufelnden Menschen oder verstaubten Artikeln, die das Ende des Winters prophezeien. Gerald Grosz, ehemaliger FPÖ- und BZÖ-Politiker, fackelt in einem Video sogar einen Christbaum ab, „damit der Klimawandel schneller kommt“ – der Winter „schlage immerhin die Klima-Ideologie“.
So einfach, wie es Demagogen wie Grosz formulieren, ist die Realität natürlich nicht. „Ein kalter Jänner widerspricht nicht dem Fakt, dass der Klimawandel stattfindet“, sagt Klaus Haslinger von der Geosphere Austria (eine Erklärung liefert auch die ÖAW). Natürliche Variationen gebe es im Klimasystem immer – heuer ist diese besonders stark ausgeprägt. Vor allem, weil wir es schon fast nicht mehr gewohnt sind, dass es so kalt ist (er und seine Kolleg:innen haben gerade den kältesten Jänner seit 19 Jahren gemessen). Das menschliche Gehirn arbeitet schließlich nicht mit langen Zeitreihen.
Doch ich habe dem Klimaforscher Haslinger noch eine Frage gestellt: Werden solche Kälteperioden – analog zu Hitzewellen – mit dem fortschreitenden Klimawandel vielleicht sogar häufiger?
Wie immer ist die Sache etwas kompliziert. Und dieser Winter ist besonders: In der Arktis, also am Nordpol, gibt es ein Tiefdrucksystem. Forschende nennen es Polarwirbel. Er ist gekoppelt mit dem Jet Stream, einem Starkstromband in großer Höhe, dessen Winde Wetterlagen von West nach Ost tragen. Ist der Jet Stream stark ausgeprägt, verhindert er, dass arktische Kaltluft weiter gen Süden gelangt. Doch das Band schwächelt, mäandert immer wieder „wie ein Fluss“ (hier eine Grafik dazu). Und so ist diese Kaltluftblase weiter nach Süden gerutscht – eine Erklärung für die eisigen Wetterlagen in den USA und in Europa. So kalt, dass in Florida sogar Leguane von den Bäumen fielen.
„Manche Studien zeigen, dass dieses Mäandern der Wirbel mit dem Klimawandel größer wird“, sagt Haslinger. Einerseits, weil sich die Arktis stärker erwärmt als niedrigere Breiten, aber auch weil die Schneebedeckung in der Nordhemisphäre abnimmt. Es gibt aber noch große Unsicherheiten in diesen Berechnungen, weswegen manche Wissenschafter wie der US-amerikanische Klimaforscher Zeke Hausfather die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Kältewellen auch verneint. „Aber dass sich im Winter etwas verändern wird, ist sicher“, sagt Haslinger.
Übrigens: Die Wetter-App zeigt nächste Woche für Wien Temperaturen über dem Nullpunkt an. Und ist da sogar ein kleines Sonnensymbol, das durch die Wolken lacht?