✍Der geläuterte Lobbyist Peter Hochegger sitzt in Brasilien und verklagt einen Facebook-User wegen eines „Likes" >> Wienwert-Prozess: Diversion für Karl Mahrer >> Nachruf auf den Aktivisten und Gewerkschafter Hermann Dworczak >> Grätzelrundgang in der Neilreichgasse Wetterkritik: Der Nebel hängt hartnäckig über einigen Bezirken. Ab und zu boxt sich die Sonne aber durch. Wenigstens klappern wir heute auf dem Weg ins B…
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FALTER.morgen – Der Wien-Newsletter / „Liebe Grüße aus Brasil" / 26.01.2026 / Sie starten in den Tag mit Florian Klenk }}

Der geläuterte Lobbyist Peter Hochegger sitzt in Brasilien und verklagt einen Facebook-User wegen eines „Likes" >> Wienwert-Prozess: Diversion für Karl Mahrer >> Nachruf auf den Aktivisten und Gewerkschafter Hermann Dworczak >> Grätzelrundgang in der Neilreichgasse

Wetterkritik: Der Nebel hängt hartnäckig über einigen Bezirken. Ab und zu boxt sich die Sonne aber durch. Wenigstens klappern wir heute auf dem Weg ins Büro nicht mehr mit den Zähnen: Die Temperaturen erreichen bis zu 5 Grad.


Guten Morgen!

Vielleicht erinnern Sie sich noch an dieses Exklusivinterview. Peter Hochegger, der Lobbyist von Karl-Heinz Grasser, packte darin erstmals über seine Rolle bei der Privatisierung von 60.000 Bundeswohnungen aus. Er präsentierte sich als reuiger Verbrecher. Auch auf der Bühne der Kulisse Wien ist er immer wieder zu sehen, als leutseliger und geläuterter Lobbyist.

Während sein Komplize Karl-Heinz Grasser bereits nach einigen Monaten im Gefängnis im elektronisch gesicherten Hausarrest sitzt, erholt sich Hochegger auf einem Luxusanwesen in Brasilien – und verklagt harmlose Facebook-User, die Posts liken, die ihn als „dubios" und „unwürdig" bezeichnen. Seine Anwaltsbriefe liegen uns vor, sie zeigen eine andere, eine sehr wehleidige Seite des Peter Hochegger, der den öffentlichen Diskurs über seine Person steuern will. Mehr dazu lesen Sie gleich.

Außerdem berichtet Soraya Pechtl vom zweiten Prozesstag in der Causa Wienwert. Raimund Löw erinnert sich an den kürzlich verstorbenen Aktivisten Hermann Dworczak. Und Florian Holzer flaniert mit uns über die Neilreichgasse.

Einen schönen Tag wünscht

Florian Klenk


Heute für Sie auf falter.at:

Lesen Sie gerne kluge Kolumnen? Dann haben wir heute drei Tipps aus dem aktuellen Falter für Sie:

  • „Die mit dem blauen Fleck im Ausmaß der Lobau am Hintern, das bin ich. Die schuldige Gasse ging unbestreut spiegelglatt bergab. Mit einem Affentempo ging’s voran, bis es mich halt volle Kanne aufgebirnt hat. Mir hat ein sehr fescher Mann aufgeholfen. Auf seine Fragen, ob es mir eh gut geht, kam von mir nur ein Röcheln, aber nicht das sexye.” Heidi List über ein versäumtes „Meet Cute“.

  • „,Radi reda’ – ,der Ordnung halber’ ist eine Redewendung, mit der Mädchen und Frauen aus der exjugoslawischen Diaspora aufwachsen. ,Der Ordnung halber’ ist der Grund dafür, wieso sie schweigen sollen, wenn sie in den eigenen vier Wänden Unrecht erfahren. Schweigen – der Ordnung halber – darf keine Option mehr sein.“ Melisa Erkurt über patriarchale Muster und Statusverlust.

  • „Ich mache manchmal Fehler. Nicht unbedingt schlimme, aber blöde; solche, für die ich mich dann geniere. Unlängst hatte ich die Golden Globes mit den Oscars verwechselt, und zwar öffentlich. Gewiss, so dachte ich, würde man mir das genüsslich reinreiben und die entsprechenden Schlüsse ziehen. Zu meiner Überraschung und Erleichterung kam es aber ganz anders.“ Charles Dickens hatte möglicherweise recht, meint Klaus Nüchtern.

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Daido Moriyama, Stray Dog, Misawa, 1971 © Daido Moriyama/Daido Moriyama Photo Foundation

Eröffnung am 30. Jänner 2026:
DAIDO MORIYAMA. RETROSPECTIVE im FOTO ARSENAL WIEN

Am 30. Jänner 2026 eröffnet das FOTO ARSENAL WIEN um 19:00 Uhr die Ausstellung DAIDO MORIYAMA. RETROSPECTIVE.
Daido Moriyama (*1938, Osaka, Japan) ist einer der bedeutendsten Vertreter*innen der Street Photography unserer Zeit. Er hat die Bildsprache der Fotografie herausgefordert, erweitert – und damit eine neue Sicht auf die Welt eröffnet.

Peter Hochegger: der gekränkte Verbrecher

Grassers Lobbyist Peter Hochegger sollte längst in Haft sitzen und inszeniert sich in Büchern und auf Bühnen als geläuterter Mann. Von Brasilien aus schüchtert er nun Facebook-User wegen harmloser Kritik mit SLAPP-Klagen ein.

Der Anwaltsbrief kommt per Einschreiben. Acht Seiten, dicht bedruckt, Kanzleikopf, Aktenzeichen. Der Empfänger, ein Tontechniker aus Vorarlberg, liest, stockt, liest noch einmal. Ihm wird vorgeworfen, einen Facebook-Kommentar mit „Gefällt mir“ markiert zu haben. Der Kommentar bezeichnet Peter Hochegger als „sehr dubios und unwürdig“. Für diesen Klick fordert eine Linzer Anwaltskanzlei 1.109,24 Euro.

Mandant ist Peter Hochegger, 76, ehemaliger PR-Berater und Lobbyist. Er wurde gemeinsam mit dem früheren Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Zusammenhang mit der BUWOG-Privatisierung rechtskräftig wegen Bestechung verurteilt. 10 Millionen Euro hatten er, Grasser und Walter Maischberger kassiert. Der Oberste Gerichtshof bestätigte 2025 den Schuldspruch. Hochegger erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, zwei davon bedingt. Der unbedingte Teil der Strafe ist bis heute nicht vollzogen. Hochegger, amtlich verurteilter Verbrecher, der einst Schmier- und Schwarzgeldkonten in Zypern hielt, urlaubt derzeit in Brasilien.

Peter Hochegger
Peter Hochegger, einst Lobbyist von Karl-Heinz Grasser (© Falter/Mavric)

Im Anwaltsschreiben wird von ihm nun argumentiert, das „Like“ stelle einen „rechtswidrigen Eingriff in fremde Persönlichkeits- und Ehrenrechte“ dar. Es handle sich um eine „konkludente Unterstützung“ einer ehrenrührigen Äußerung. Hochegger fordert „Unterlassung, Beseitigung, Schadenersatz" von 500 Euro sowie 609,24 Euro an Anwaltskosten. Andernfalls werde man „gerichtliche Abhilfe in Anspruch nehmen“.

Die Klagsdrohung ist gelinde gesagt dreist. Hochegger ist seit Jahren Teil des öffentlichen Diskurses und war geständig. Er gibt Interviews, veröffentlichte ein Buch über seine Tätigkeit als Lobbyist und tritt regelmäßig öffentlich auf – auch auf Podien und Kabarettbühnen, nicht selten gemeinsam mit prominenten Investigativjournalisten. Auch im Falter hatte er sich als geläuterter Insider präsentiert, als Zeitzeuge eines Systems, das er selbst mitgestaltet hat. Seine korrupte Vergangenheit ist Teil seiner öffentlichen Rolle und Grundlage seiner medialen Präsenz. Er war der Mann, der Bestechungsgelder verteilte. Nicht nur im Fall BUWOG, sondern auch in der Telekomaffäre. Nun reagiert er auf harmlose Kritik wehleidig. 

Juristisch bewegt sich der Fall in einem heiklen Bereich. In mehreren Entscheidungen wurde bereits ausgesprochen, dass das bloße „Liken“ oder Teilen fremder Inhalte als eigenständiger rechtswidriger Beitrag zu werten sein kann. So wurde etwa eine Pensionistin verurteilt, weil sie einen kritischen Kommentar über den mittlerweile wegen Spionage angeklagten Ex-Verfassungsschützer Egisto Ott mit „Gefällt mir“ markiert hatte. Der frühere FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache geht regelmäßig gegen das Teilen von Medienberichten vor, die er als Eingriff in seine Privatsphäre wertet – mit teils erfolgreichem Ausgang.

Gerichte argumentieren dabei, ein „Like“ wirke als algorithmische Verstärkung und trage zur weiteren Verbreitung der beanstandeten Aussage bei. Kritiker sehen darin eine problematische Ausweitung der Haftung auf bloße Zustimmungshandlungen.

Im Fall Hochegger kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Er ist rechtskräftig verurteilt; für ihn gilt keine Unschuldsvermutung mehr, er sollte eigentlich im elektronisch gesicherten Hausarrest als Nachtportier arbeiten, wie er selbst erzählt. Medienrechtlich gilt: Werturteile, auch scharfe, sind gegenüber verurteilten Personen des öffentlichen Lebens natürlich zulässig, solange sie sich auf wahre Tatsachen stützen und keine falschen Tatsachen behaupten. Bezeichnungen wie „Verbrecher“ sind in diesem Kontext rechtlich gedeckt, solange sie sich auf das Urteil beziehen. „Dubios und unwürdig“ war Hocheggers Rolle allemal. 

Auf Anfrage des Falter nahm Hochegger Stellung – aus einem Luxusdomizil in Brasilien, das offiziell einer Verwandten gehört. Er schreibt: „Ja, es stimmt, dass ich mich anwaltlich gegen die Diffamierungen meiner Person (…) zur Wehr setze. Liebe Grüße aus Brasil.“

Auffällig bleibt die Art des Vorgehens. Für den Betroffenen steht einem Klick eine komplexe juristische Drohkulisse gegenüber, er wird sich einen Anwalt nehmen müssen. Der Fall weist damit typische Merkmale einer SLAPP-artigen („strategic lawsuit against public participation") Klage auf: Er richtet sich gegen einzelne Bürger – und entfaltet vor allem eine abschreckende Wirkung, selbst wenn Hochegger den Prozess verliert, wovon Medienrechtler ausgehen. Vielleicht braucht Hochegger aber auch einfach nur ein bisschen Geld in Brasilien. 


Vor Gericht

Bild von Soraya Pechtl
VON SORAYA PECHTL

„Ich habe zu wenig auf eine scharfe Trennung geachtet“

Karl und seine Frau Christine Mahrer waren in der Causa Wienwert wegen Untreue angeklagt. Am Freitag endete ihr Prozess mit einer Diversion. 

Am Freitag ging der Prozess rund um die Causa Wienwert weiter. Und Tag zwei brachte eine Überraschung. Oliver Scherbaum, Anwalt von Karl und Christine Mahrer, beantragt eine Diversion für seine Mandanten.

Zur Erinnerung: Die PR-Agentur von Christine Mahrer bekam im Jahr 2017 über mehrere Monate insgesamt 84.000 Euro von der inzwischen insolventen Immobiliengruppe Wienwert. Allerdings gab es keinen entsprechenden Vertrag und auch keine „werthaltigen Gegenleistungen“, so der die WKStA, die den beiden Beitrag zur Untreue vorwarf. Das Geld habe nur dazu gedient, um an Karl Mahrer und seine politischen und sozialen Kontakte zu kommen. 

Das bestreiten die Mahrers. Die Zahlungen hätten keinen Zusammenhang mit Karl Mahrers politischer Tätigkeit gehabt. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Geschäftsbeziehungen der Wienwert und der PR-Agentur starteten, hatte Mahrer kein politisches Amt inne, er war Landespolizei-Vizepräsident. Mit November 2017 zog er aber für die ÖVP in den Nationalrat ein. Seit November 2025 übt Mahrer übrigens kein politisches Amt mehr aus. 

© APA/GEORG HOCHMUTH

Wie kam es dann zu den Überweisungen? 

Ein Bekannter habe Christine Mahrer dem Wienwert-Vorstand Stefan Gruze als PR-Beraterin empfohlen. „Wir sind uns über eine Zusammenarbeit einig geworden“, sagte Christine Mahrer. Ihre Aufgabe sei es gewesen, ein positives Image für die Wienwert zu generieren. Dass es keinen Vertrag gab und nicht vereinbart wurde, welche Leistungen sie konkret erbringen soll, sei ein Versäumnis gewesen. 

Die Mahrers gaben am Freitag aber zu, dass die erbrachten Leistungen – dazu zählten Kontaktanbahnungen und Netzwerkpflege – die Honorare nicht rechtfertigten. Für diese „Unverhältnismäßigkeit“ übernahmen Christine und Karl Mahrer Verantwortung (den Vorwurf der Untreue bestreiten sie). 

Karl Mahrer sagte zudem: „Ich habe zu wenig auf eine scharfe Trennung zwischen meiner beruflichen Funktion und der geschäftlichen Tätigkeit meiner Gattin geachtet.“ Denn Mahrer war mit Stefan Gruze ebenfalls in Kontakt, es ging um eine Kooperation im Rahmen des Polizeiprojekts zum Thema „Sicheres Wohnen“. Die beiden verstanden sich auch „menschlich gut“, Mahrer war beispielsweise auf einer Geburtstagsfeier von Gruzes Frau. 

Während eines Krankenstandes seiner Frau im Sommer 2017 übernahm Karl Mahrer dann einige Termine für sie. „Ich hätte in dieser Zeit mehr darauf achten müssen, dass die Leistungen klar dokumentiert werden und das sie gegenüber den Honoraren einen Gegenwert darstellen“, sagte er. 

Man habe die 84.000 Euro deshalb inzwischen auch an die Wienwert beziehungsweise den Masseverwalter zurückbezahlt und somit Wiedergutmachung geleistet. 

Der Schöffensenat unter Richter Michael Radastzics hat am Nachmittag entschieden, dass die beiden Diversion bekommen und das Verfahren somit beendet ist, wenn sie zusätzlich eine Geldbuße leisten. Karl Mahrer soll binnen 14 Tagen 46.250 Euro und seine Frau 17.000 Euro überweisen. Die PR-Agentur muss weitere 2.500 Euro bezahlen.

Mehr über den Wienwert-Prozess lesen Sie hier, hier und hier.


Stadtnachrichten

SPÖ und Neos haben sich am Freitag zu einer Regierungsklausur getroffen und im Nachgang einige anstehende Projekte präsentiert: 

  • Wien bekommt ein neues Life Science Center, das 2029 in Neu Marx im dritten Bezirk eröffnen soll. Was ist ein Life Science Center? Life Science, also die Wissenschaft vom Leben, umfasst Forschungsbereiche wie Biologie, Chemie, Medizin, Pharmazie und Bioinformatik. In Wien soll auf 14.000 Quadratmetern ein Zentrum für Gesundheitsforschung mit einem Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz entstehen. Unternehmen können sich dort einmieten, erste Mieterin ist AITHYRA, ein von der Boehringer Ingelheim Stiftung finanziertes Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in der Biomedizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Kostenpunkt für die Stadt: 170 Millionen Euro.

  • In Simmering (Gasometer-Vorfeld) und in der Donaustadt (Wagramer Straße) soll heuer mit dem Bau von zwei neuen Stadtentwicklungsgebieten begonnen werden. Insgesamt sollen dort 650 geförderte Wohnungen entstehen. 

  • Die Wiener Medieninitiative wird fortgeführt, für heuer stehen dafür 600.000 Euro zur Verfügung, für die nächsten Jahre insgesamt 6 Millionen Euro. Damit werden Medienprojekte aus Wien gefördert, „die Arbeitsplätze erhalten oder neue Arbeitsplätze schaffen“, heißt es. Seit dem Start im Jahr 2019 wurden 318 Medienprojekte mit fast 11 Millionen Euro gefördert (auch der Falter.morgen).


Nachruf

Bild von Raimund Löw
VON RAIMUND LÖW

Andenken an Hermann Dworczak

Er prägte die 68er-Bewegung in Wien wie kein Zweiter, stand ein für eine gerechtere Welt. Ein Nachruf auf einen Mitstreiter.  

Anfang letzter Woche ist Hermann Dworczak, ein führender Aktivist der 68er-Bewegung in Wien, nach langer Krankheit gestorben. Dworczak hat Demonstrationen gegen den amerikanischen Vietnamkrieg und für den Widerstand gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei organisiert. Auf den „Teach-Ins“ der Universität Wien agitierte er für eine Neue Linke. In  Philosophie-Vorlesungen fiel er durch Wortgefechte mit konservativen Professoren auf. Bei den abendlichen Politdisputen im Neuen Institutsgebäude waren die als Stalinisten verschrieenen KPÖ-Studenten die Kontrahenten. Hermann Dworczak war Sprecher der trotzkistischen Gruppe „Revolutionäre Marxisten”. Wir haben in der Studentenpolitik nach 1968 zahlreiche Kämpfe gemeinsam geschlagen. 

Hermann Dworczak (dritter von links) bei einer Demonstration im Jahr 1968. (© „Menschenbilder, Photos aus Österreich 1966-1988" von Michael Horowitz)

Anders als viele von uns ist Hermann aus ganz einfachen Verhältnissen gekommen. Sein Vater, ein Angestellter der Wiener Gaswerke, und seine Mutter, eine Putzfrau, konnten mit der neuen Welt des Sohnes nichts anfangen. Seine Herkunft war ein Vorteil in der politischen Agitation. Hermann Dworczak verstand es, die Menschen fast magisch anzusprechen. Beim Agitationsstand gegen die Militärdiktatur in Chile am Praterstern strömten sofort hunderte Zuhörer zusammen, wenn er am Mikrofon war, während die Passanten andere Redner ignorierten. Am 1.Mai 1968 zog Hermann, wie immer begleitet von den Sprechchören „Hoch die internationale Solidarität“, auf den Wiener Rathausplatz, um das Platzkonzert der Wiener SPÖ umzudrehen. „Wir wollen über den Sozialismus diskutieren statt Blasmusik“, forderte er. Bürgermeister Bruno Marek war verdutzt und holte die Polizei. Jahre später machte Hermann Dworczak mit, als gegen das AKW Zwentendorf und in Hainburg für grüne Anliegen demonstriert wurde.

Seine Energie ist Hermann Dworczak auch nach Ende der Studentenbewegung geblieben. Er engagierte sich für Anläufe, etwas Neues links von der Sozialdemokratie aufzubauen, aus denen nichts wurde. Zum Beispiel als Sprecher der Gewerkschaftlichen Einheit, aus der später die Alternative und grüne Gewerkschaft hervorgegangen ist. Beim Weltsozialforum im globalen Süden war er in den österreichischen Delegationen mit dabei. Privat liebte er Boogietanzen. Er ging gerne auf Bälle, zur Verwunderung so mancher Mitkämpfer.

Hermann Dworczak hat es mit seinem Optimismus immer wieder geschafft, seine Freunde mitzureißen und die Utopie einer gerechten Welt am Leben zu halten. Seine Stimme ist vor Jahren durch Krankheit verstummt. In der Nacht vom 19. zum 20. Jänner ist Hermann im Donauspital in Wien 78-jährig gestorben.


Grätzelrundgang

Neilreichgasse (1100)

© ARGE KARTO

Bei der Endstelle des O-Wagens finden sich ein paar durchaus bemerkenswerte Gastronomien, alte wie neue, hier findet sich ein Grätzel mit viel Platz, breiten, geraden Straßen, vielen Bäumen und äußerst interessanten Beispielen des sozialen Wohnbaus aus etwa 90 Jahren.

Die Raxstraße bildet die räudige Südgrenze dieses Grätzels, deren Hässlichkeit ein Betrieb mit Inbrunst trotzt. Hier befindet sich das Hauptsitz der Wiener Bäckerei Groissböck. Gebacken werden Retro-Klassiker wie „Rehrücken“ oder „Indianer“, Schaumrollen gibt’s von daumengroß bis zu einem Meter Länge. Aktuell dreht sich beim Groissböck alles um den Fasching – man sparte auch nicht bei der Dekoration – und dessen Germteig-Ikone, den Krapfen.

Um den Hof herum dann gleich das nächste Highlight, nämlich Paulis Kuchl, ein adrettes, gutbürgerliches Gemeindebau-Gasthaus mit hübschem Gastgarten und Wiener Küche in einer Qualität, wie man sie bis zum Reumannplatz nicht findet. Die Spezialität von Paul Putzlager, der das Lokal vor zehn Jahren übernommen hat, ist das Beef tatar, Donnerstag ist Schnitzeltag.

Ein ganz anderes Programm bietet das Poncho Vienna von Muhammed Bozkurt, nämlich French Tacos: ein Fladenbrot, das mit Pommes frites, Käsesauce, Fleisch und noch so allerhand gefüllt, gefaltet und dann waffelgleich getoastet wird.

Nächste Station Troststraße, zu Bab al-Yemen, auch in einem eindrucksvollen Gemeindebau untergebracht und eines von nur zwei jemenitischen Restaurants in Wien. Bab al-Yemen führt 19 Restaurants weltweit, die Küche ähnelt anderen arabischen Küchen, wirkt aber ein wenig ursprünglicher – vor allem, wenn man sie am Boden sitzend mit den Händen isst. Spezialität ist Lamm Mandy, langsam im Steinofen gekocht, oder Haneeth, mariniert und langsam gebraten.

Den ganzen Grätzelrundgang von Florian Holzer mit allen in der Karte erwähnten Lokalen finden Sie hier.

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Frage des Tages

In welchem Wiener Park kann man gratis eislaufen?

1. Stadtpark

2. Kurpark Oberlaa

3. Bacherpark

Auflösung von Freitag: Der Tourismus in Wien verzeichnet Zuwächse. Die meisten Gäste kommen aus Deutschland nach Wien (nicht aus China oder Italien).


Events des Tages

Bild von Gerhard Stöger
AUSGEWÄHLT VON GERHARD STÖGER

Klassik

Die Konzertreihe „Auszeit“ geht in die dritte Runde und verwandelt den Gläsernen Saal im Musikverein erneut in eine Musiklounge. Das Publikum wählt selbst, wo und wie gehört wird – regulär sitzend, oder aber auch auf Kissen oder Liegestühlen. Zu Gast ist heute das junge, vielfach ausgezeichnete Fibonacci Quartet aus London. Mit Musik von Joseph Haydn, Bedřich Smetana und Béla Bartók sorgt es für entschleunigte Hörmomente abseits des klassischen Konzertsettings. (Miriam Damev)

Musikverein, Gläserner Saal, 18.00


Theater

Peter Handkes Monolog „Selbstbezichtigung“ ist die Beichte eines Menschen, egal ob Mann oder Frau, über die vielen Schubladen, in die man von Geburt an gesteckt wird. Die großartige Stefanie Reinsperger spielt dieses Solo, das auch zur Theaterbeichte eines Regisseurs und einer Schauspielerin wird, die schon mehrfach zusammengearbeitet haben. Ende 2025 wanderte die Inszenierung, die vor zehn Jahren ursprünglich fürs Volkstheater erarbeitet wurde, ins Repertoire des Burgtheaters. (Sara Schausberger)

Akademietheater, 20.00


Buchtipp

Alan Benett: See you later

Unverblümt und -zimperlich war Allen Bennett schon immer. Nun hat der Autor des Stücks „Kafka's Dick" mit 91 das funkelnde Prosakleinod „Killing Time" („deutsch":"See You Later") vorgelegt, das wesentlich umfänglichere Elaborate wesentlich jüngerer Kollegen ziemlich alt aussehen lässt.

Schauplatz der Story ist Hill Topp, Altersheim für die etwas Bessergestellten, die von dort auf Low Moor und deren Bewohner herabblicken (in jeder Hinsicht). Die Handlung spielt zur Zeit der ersten Corona-Welle, was die Mortalitätsrate noch einmal in die Höhe treibt. Mit Verve und Witz, so trocken wie London Dry Gin, handelt Bennett Themen wie Demenz, Sex und Altersstarrsinn ab, ohne je albern oder abgeschmackt zu werden, und hat auch einen überraschenden Knaller von Plottwist in petto. Go for it! (Klaus Nüchtern)

Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at


Feedback

@ „Frage des Tages“ – Falter.morgen #1236

Das Satellitenbild zeigte nicht nur das Gebäude der Austria Presse Agentur im 6. Bezirk, sondern auch den das Gebäude umgebenden Alfred-Grünwald-Park. Dieser wurde gegen verschiedene Verbauungspläne von der Bürgerinitiative Denzelgründe erkämpft – diese hat dort auch fünf Jahre lang ein Parkprovisorium betreut. Nach dem Wunsch der AnrainerInnen hätte der Park nach dem im KZ ermordeten Kabarettisten Fritz Grünbaum benannt werden sollen – dies hat der damalige ÖVP-Bezirksvorsteher verhindert. Auf Initiative von Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) erfolgte eine Benennung nach dem Operettenlibrettisten Alfred Grünwald – dem Vater des damaligen US-Botschafters. Zum Ausgleich wurde der Platz vor dem Apollo-Kino nach Fritz Grünbaum benannt.

Richard Weihs


@ „Nachsitzen“ von Soraya Pechtl – Falter.morgen #1235

Ich wollte aus Sicht einer Person mit Migrationshintergrund dazu Stellung nehmen: Kurze Antwort, ich verstehe es nicht. Ich kam 1989 nach Österreich, Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch gab es wenige in der Klasse und in meinem Alltag gab es niemanden außer meinen Eltern mit denen ich Rumänisch sprechen konnte.

Die Zeiten sind nun anders, aber mittlerweile habe ich auch zwei Kinder. Mit der älteren Tochter haben wir vor dem Kindergarten nur Rumänisch gesprochen, sie konnte also zum Start des Kindergartens nur Rumänisch.

Das mag kontraproduktiv erscheinen, aber da sich der Alltag nicht im rein Rumänischen Umfeld abspielt, war ich sicher, dass es kein Fehler sein wird.

Sie hat sehr schnell im Kindergarten Deutsch und auch Englisch gelernt, ist mittlerweile 12 und eines der besten in Deutsch im Gymnasium, Klassenbeste in Englisch, das Rumänische ist minimal, aber vorhanden. Bei der zweiten Tochter ist der Plan nicht so recht aufgegangen, da die zwei sehr früh angefangen haben miteinander Deutsch zu sprechen. Zumindest ist das Englische auch sehr gut.

Ich will hier nicht mit meinen Töchtern angeben, aber ohne durchmischten Kontakt wird das nie etwas werden. Zeit ist ausreichend da und bei Kindern, die hier geboren wurden, sollte das mit dem Deutsch schon im Kindergarten klappen. Hier müssen die Eltern in die Pflicht genommen werden. Wenn ich mein Kind in einen Kindergarten stecke, wo nur meine Muttersprache gesprochen wird,  wie helfe ich da dem Kind?

Wenn man das nur auf den Staat und auf die Pädagog:innen auslagert, dann wird das nichts werden. Meine Eltern konnten kein Deutsch, die haben mir hier also definitiv nicht helfen können, aber mein Umfeld konnten sie beeinflussen und das war am Ende das, was mich dazu „gezwungen“ hat, auch mehr Deutsch zu sprechen.

Cristian Livadaru


@ „Auf Loos geht’s los“ von Anna Goldenberg – Falter.morgen #1234

Zur neuen U-Bahnstation Lina Loos passt übrigens auch ihr „Buch ohne Titel", das es im Faltershop.at gibt. Interessante Lektüre, sie hat's nicht leicht gehabt mit den Männern. Auf das Buch könnten die Wiener Linien bei der Station hinweisen, was meint ihr? Wer sagt's ihnen? 

Roger Hackstock


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