Ich möchte heute jenen Moment mit Ihnen feiern, der die jüngere österreichische Popgeschichte in ein Davor und ein Danach teilt. Er jährt sich demnächst zum zehnten Mal. Am 11. Oktober 2013 veröffentlichte die aus der oberösterreichischen Provinz zugewanderte Wiener Band Bilderbuch ihr Lied "Maschin", am 17. Oktober folgte das zugehörige Video mit dem knallgelben Lamborghini.
Am Erscheinungstag ist "Maschin" unbemerkt an mir vorübergegangen, ich musste einen Umweg gehen. Als das Video herauskam, brachte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit Bilderbuch-Frontmann Maurice Ernst. Wie sehr ihn dieses ewige Gerede von der Fußball-WM 1978 nerve, sagte er da; die Verklärung des Spiels in Cordoba, als Österreich Deutschland geschlagen hat. Ungleich mehr als Krankl, Prohaska und der Rest der Helden von 1978 würden ihn Alaba, Arnautovic & Co. interessieren.
Im österreichischen Pop sei es genau dasselbe, legte der damals noch wenig bekannte Sänger nach: Warum immer die Vergangenheit mit Falco verklären, wenn man die Gegenwart mit Bilderbuch haben kann? "Du goscherter Hundling", dachte ich mir, im selben Moment aber auch: "Ich könnte dich abbusseln für deine Worte, die nicht nur kühn, sondern auch klug sind!" Dann habe ich mir "Maschin" auf Youtube angeschaut – und war hin und weg, vorsichtig ausgedrückt.
Deutschsprachiger Pop ist kaum je in ein und demselben Moment stilbewusst, mitreißend, lässig, schlau, tanzbar, ohrwurmig, cool und trotz seiner Sprache ganz und gar undeutsch. "Maschin" zählt zu den wenigen Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Bilderbuch haben den State of the Art im deutschsprachigen Pop mit diesem Song neu definiert – und eineinhalb Jahre darauf mit dem Album "Schick Schock" gezeigt, das "Maschin" kein einmaliger Glücksfall war.
All das ist nicht ganz zufällig passiert, es war eine Art Triumph unbedingten Wollens. Bilderbuch zeigten sich schon als Teenager-Schülerband von ihrer eigenen Geilheit überzeugt, ohne deshalb ungut arrogant zu wirken. Mit "Maschin" und eigentlich auch schon dem alternativen Sommerhit "Plansch" einige Monate zuvor wurde diese Geilheit auch für eine breitere Öffentlichkeit spür- und greifbar.
Vor "Maschin" konnten Bilderbuch froh sein, wenn sie bei den großen österreichischen Musikfestivals für Peanuts im Nachmittagsprogramm spielen durften. Seit "Maschin" sind sie dort als Hauptattraktion gefragt – und selbst Mick Jagger höchstpersönlich hat sich das Quartett als lokales Vorprogramm fürs letztjährige Wienkonzert der Rolling Stones ausgesucht, begeistert von Livevideos der Band.
"Maschin" ist ebenso sehr ein Kind des Zufalls wie harter Arbeit, ein Kind der Frustration und des Sich-nix-Scheißens, ein Kind der Tüftelei und der genialen Eingebung, der Disziplin und des Anarchischen. "Maschin" ist nicht zuletzt auch das Produkt einer ganz speziellen Konstellation. Bilderbuch sind nicht einfach nur eine Band, sie sind eine Art Familie, freundschaftlich verbandelt seit frühen Jugendtagen.
Gefühlt ist "Maschin" ihr bis heute größter Hit und gleichzeitig der herausragende Song des sogenannten "Neuen Austropop". In der Hitparade war er lustigerweise nie, er hat den Musikpreis Amadeus nicht gewonnen – für den "Song des Jahres" wurde damals Anna F ausgezeichnet, die selbst nur irritiert darüber lachen konnte, dass sie diesen Preis bekommt, nicht Bilderbuch – und auch sonst hat dieser Über-Song nichts klassisch Messbares hinterlassen.
Mich erinnert das ein bisschen an "Rebel Girl" von Bikini Kill, das neben Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" bedeutendste Stück US-Rockmusik der 1990er. Ein Lied, das eine Ära prägt und überdauert, aber nicht vorkommt in der konventionellen Popgeschichtsschreibung, die sich an Listen, Zahlen, Daten und Fakten orientiert.
Die euphorischen Reaktionen auf "Maschin" haben Bilderbuch massiv darin bestärkt, möglichst ausschließlich den eigenen Regeln zu folgen – was bis heute ausgezeichnet funktioniert. Man höre nur "Gelb ist das Feld", ihr aktuelles Album aus dem letzten Jahr, das kein bisschen nach "Schick Schock" klingt und doch unverkennbar Bilderbuch ist.
Ich habe "Maschin" in den letzten zehn Jahren oft live gehört, zuletzt heuer im Sommer bei einem mitreißenden Open-Air-Konzert vor rund 9.000 Menschen auf Burg Clam. Die an diesem Abend gezeigte Mischung aus Virtuosität und Lässigkeit, aus spürbarer Lust am Spielen und der offenkundigen Freude an der Performance legt nahe, dass da noch einiges kommen wird. Nur eben kein zweites "Maschin": Bilderbuch halten nichts von Wiederholung und Selbstplagiat.
Gut so, "Maschin" gibt es ja schon.