Die Wiener Klimateams sollen ein Vorzeigeprojekt für Bürgerbeteiligung sein: Aber in Ottakring werden einige Anrainer-Ideen nun nicht wie gedacht umgesetzt >> Filmdoku über Ferry Ebert: Der Automatenkönig und die Liebe >> Woher kommt die Bißgurn, Frau Andrea?Wetterkritik: Haben Sie Ihren Wintermantel schon verstaut? Heute brauchen Sie ihn jedenfalls nicht, aber ein Anorak könnte nützlich sein. 12 Grad, Regen und Wind warten draußen auf Sie.
Guten Morgen! „Ein gutes Beispiel für Bürgerbeteiligung sind die Klimateams, wo wir als einer der Pilotbezirke mit dabei waren”, das sagte die neue Ottakringer Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp (SPÖ) vor einer Woche im FALTER.morgen-Interview. Das Wiener Klimateam ist ein Projekt, auf das nicht nur der 16. Bezirk stolz ist. Es würde „demokratische Mitgestaltung niederschwellig ermöglichen”, sagte Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) im Dezember. Konkret und vereinfacht läuft das so: Anrainer reichen ihre Ideen für die klimafreundliche Umgestaltung ihres Grätzels ein. Die städtischen Magistratsabteilungen unterstützen sie bei der Weiterentwicklung, eine Bürger-Jury wählt dann die besten Konzepte aus. Klingt gut. Aber in Ottakring scheint das nicht ganz reibungslos zu funktionieren. Was dort schief läuft, erzähle ich Ihnen gleich. Außerdem: Michael Omasta hat mit dem Regisseur Houchang Allahyari über seinen neuen Film gesprochen hat. Er handelt von der Wiener Ikone „Don Kondom” Ferry Ebert und der Beziehung zu seiner Frau Amalia. Und Andrea Maria Dusl weiß dann noch, woher die Bißgurn ihren Namen hat. Einen schönen Tag wünscht Soraya Pechtl PS: Harry Bergmann hat natürlich keinen antisemitischen Spot auf X geteilt, sondern einen Spot gegen Antisemitsmus. Entschuldigen Sie. Und verzeihen Sie bitte auch, dass wir die Harmoniegasse in den 8. Bezirk verlegten. Sie ist (und bleibt) selbstverständlich im 9. |
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„Ich finde das demokratiepolitisch fragwürdig”In Ottakring hätten im Rahmen der Wiener Klimateams ein Supergrätzel, eine verkehrsberuhigte Sackgasse und ein neuer Vorplatz entstehen sollen. Zwei der drei Projekte kommen nun aber nicht wie geplant. Jan Dreer erkennt seine Idee nicht wieder. Der Ottakringer hatte im Jahr 2022 mehrere Projekte für das Wiener Klimateam eingereicht. Sein Vorschlag, die Friedrich-Kaiser-Gasse zur Sackgasse umzugestalten und somit den Verkehr zu beruhigen, hat die Jury unter die drei Siegerprojekte gewählt. 2 Millionen Euro hat die Stadt Wien für die erwähnte Sackgasse, ein Supergrätzel in Neulerchenfeld und die Umgestaltung des U3-Vorplatzes in Ottakring bereitgestellt. In der Friedrich-Kaiser-Gasse hätten Bänke und Pflanzentröge Autos an der Fahrt hindern sollen. Dazu hätten ein Wasserspiel und Bäume für Abkühlung sorgen sollen. Noch heute ist diese Version für die Umgestaltung auf der Homepage des Klimateams zu finden. Aber sie wird so nicht umgesetzt werden. |
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| Die Friedrich-Kaiser-Gasse soll verkehrsberuhigt werden. Aber anders als ursprünglich geplant. (© Jakob Knabel) |
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Bereits im Sommer 2023 gab es die erste Änderung. „Die Stadt hat die Ideengeber im Juni eingeladen und die ersten Pläne präsentiert. Aus der Sackgasse wurde plötzlich eine Fußgängerzone”, erinnert sich Dreer. Es habe Probleme mit einem Betrieb gegeben, der die Friedrich-Kaiser-Gasse als Ladezone benutze. Sie müssen wissen: Fahrzeugen ist es grundsätzlich verboten, in eine Fußgängerzone einzufahren. Für Ladetätigkeiten, Taxis oder Fiaker können Ausnahmen gemacht werden. Allerdings sollte es auch nicht bei der Fußgängerzone bleiben. Laut einem Plan, der dem FALTER.morgen vorliegt, ist nun eine Wohnstraße und eine Einbahnumdrehung in der Friedrich-Kaiser-Gasse geplant. Das heißt: Autos dürfen in Schrittgeschwindigkeit hinein, aber nicht mehr durchfahren. Die Einbahn geht zudem nur bis zur Eckmüllnergasse, dann müssen die Fahrzeuge abbiegen oder umdrehen. Eine Verkehrsberuhigung wird es also weiterhin geben – aber in abgeschwächter Form (die Verkehrsmaßnahmen in Wohnstraßen werden oft nicht durchgesetzt). Auch die Kosten für das Projekt sind laut den Wiener Grünen von 200.000 Euro auf 540.000 Euro gestiegen. Für Konrad Loimer, grüner Klubobmann in Ottakring, ist das unverständlich. „Die Einbahnumdrehung hätte man mit einem Schild ausweisen können. Das kostet ein paar Tausend Euro”, sagt er. Loimer fordert mehr Transparenz vom Bezirk und der Stadt. Die verantwortlichen Politiker müssten den Anrainern klar kommunizieren, warum die Projekte nicht so umgesetzt werden, wie sie geplant waren. Und sie müssten die Bürger-Jury des Klimateams noch einmal einbinden. Die Sackgasse ist nicht das einzige Projekt in Ottakring, das abgeändert wurde. In Neulerchenfeld hätte ein Supergrätzel entstehen sollen. Aber auch das wird so nicht kommen. „Von den Plänen ist nur die Begrünung eines einzigen Straßenzuges übrig geblieben”, sagt Loimer. Der Bezirk habe das damit begründet, dass das veranschlagte Budget nur für diese Maßnahme reiche. Die Kosten für das dritte Projekt, die Umgestaltung „Hauptplatz Ottakring“, haben sich indes verdoppelt. Anstatt einer Million Euro hat der Bezirk nun zwei Millionen veranschlagt. Die Pläne bleiben in diesem Fall im Großen und Ganzen gleich. Aber wie kann das sein? Die Projekte wurden doch mit Experten und Magistratsabteilungen ausgearbeitet. Warum weichen die Pläne und Kosten nun dermaßen von den Sieger-Ideen ab? Zu den konkreten Plänen und Budgets will die Stadt noch nichts sagen. Die Projekte würden sich in der „Detailplanung befinden”, heißt es von Wencke Hertzsch, Leiterin des zuständigen Referats Wiener Klimateam. Die Friedrich-Kaiser-Gasse werde aber „gemäß den Zielvorgaben des Projektentwurfs ,Verkehrsberuhigung’ und ,Begrünung’ und den von der Bürger*innenjury vorgegebenen Budgetmitteln umgesetzt.” Änderungen seien normal. Denn die Entwürfe, die die Anrainer mit Experten der Stadt erarbeiten, seien „grobe Einschätzungen”. Erst nach der Jury-Wahl starte die Detailplanung – anders sei das bei hunderten Projekten auch nicht möglich. „Dass es aufgrund von in der Detailplanung auftretenden Rahmenbedingungen zu Abweichungen kommen kann, wird an allen Schritten des Prozesses kommuniziert”, sagt Hertzsch. Auch die veranschlagten Summen seien nur ein „grober Kostenrahmen” und kein fixes Budget. Ganz so scheint das bei den Anrainern aber nicht angekommen zu sein. „Ich finde es demokratiepolitisch fragwürdig, wenn die Projekte im Nachhinein unter Anführung fadenscheiniger Argumente abgeändert werden”, sagt er. Er kann die Änderungen seiner Pläne nicht nachvollziehen. Denn technisch sei eine Sackgasse möglich. Das sehe man an der Lambertgasse, diese ist ähnlich dimensioniert wie die Friedrich-Kaiser-Gasse und an der Einmündung in die Thaliastraße bereits eine Sackgasse. |
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Falter-Radio | | v.l.n.r.: Gerhard Mangott, Raimund Löw | Russlandexperte Gerhard Mangott spricht in dieser Folge mit Raimund Löw über das russische Staatsverbrechen und die Rolle, die bei Europas größtem Nachbarn, politischer Mord und Repression spielt. |
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Stadtnachrichten | Viel Lärm um nichts machten gestern die Aktivisten der Letzten Generation. Bei einer Pressekonferenz wollten sie eigentlich eine „richtungsweisende Entscheidung” bekannt geben. Was dann kam, war aber ein altbekannter Wunsch. „Wir fordern, dass Klimaschutz in der Verfassung verankert wird”, sagte eine Aktivistin. Das stand fast wortgleich bereits vor vier Jahren im Klimavolksbegehren (ein Porträt über die Frontfrau des Volksbegehrens, Katharina Roggenhofer, lesen Sie hier). Von einem Strategiewechsel wie in Deutschland (dort verzichten die Aktivisten auf Klebe-Aktionen) wollen die österreichischen Mitglieder der Letzten Generation übrigens nichts wissen. Ab 26. Februar werden sie sich wieder auf Straßen kleben.
Sechs Personen haben die Fahne der jüdischen Glaubensgemeinschaft am Campus der Religionen in der Seestadt zerstört. Das teilte die Polizei gestern mit. Die Beamten ermitteln nun wegen schwerer Sachbeschädigung und Herabwürdigung religiöser Lehren. Erst im Sommer wurde eine Israel-Flagge vom Stadttempel in der Innenstadt gerissen.
Wohnen Sie in Ruhelage? Oder düsen Flugzeuge über Ihren Balkon? Fluglärm kann die Gesundheit erheblich beeinträchtigen. Anrainerinnen und Anrainer können daher ab sofort mitreden, wo Flugrouten entlangführen. Ihre Anliegen und Verbesserungsvorschläge können Sie hier einbringen. Die Austro Control prüft sie dann auf ihre Umsetzbarkeit. |
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Stadtgeschichten | | Der Automatenkönig und die LiebeDer Wiener Regisseur Houchang Allahyari wollte einen Film über Ferry Ebert, auch „Don Kondom“ genannt, machen. Daraus wurde aber eine Geschichte über zwei Lebensmenschen und ihre Beziehung im Schatten der Demenz. FALTER-Kino-Experte Michael Omasta hat Allahyari zu einem Gespräch getroffen. Der Name Ferry Ebert war Generationen ein Begriff. Er prangte in Österreich auf jedem Automaten, egal ob für Präservative, für Kaugummi oder für Pez. Mit der Einführung des Euros ging „Don Kondom“ in Pension und richtete in Penzing sein eigenes kleines Museum ein. Doch darum geht es im Dokumentarfilm „Und täglich frisch verliebt“, der jetzt im Metro Kinokulturhaus läuft, nur am Rande. Statt des geplanten Porträts über den legendären Geschäftsmann entschloss sich der Wiener Regisseur und Psychiater Houchang Allahyari, einen Film über Ferry und seine Frau Amalia zu drehen – Ergebnis: ein bewegender Liebesfilm. | | Flanieren auf der Kärntner Straße. Einst arbeitete Amalia Ebert dort im Modesalon Adlmüller (@Allahyari Filmproduktion) | Herr Allahyari, vom Film, den Sie ursprünglich machen wollten, ist nur mehr ein zehnminütiger Prolog übriggeblieben. Wie kam es zu dieser Abzweigung? Houchang Allahyari: Ich war mit meinen Filmen jetzt lange weg von Wien, die letzten paar sind alle im Iran entstanden. Dann habe ich von Ferry Ebert eines Tages eine Einladung in sein Museum bekommen und mir gedacht: Das ist so urig wienerisch, darüber mache ich einen Film. Bis ich nach einer Woche Drehen Amalia Ebert kennengelernt habe und zu Ferry sagte: Es tut mir leid, das Museum kann gern vorkommen, aber meine Hauptdarstellerin ist deine Frau. Was hat Sie an der Geschichte dieses alten Paars so interessiert? Allahyari: Ihre Beziehung, wie sie miteinander umgehen. Ich muss zugeben, ich bin erst draufgekommen, dass Amalia demenzkrank ist, als sie uns einmal Kaffee gemacht hat. Das war aber kein Kaffee, sondern nur Wasser. Man kennt von dieser Krankheit vor allem die aggressive Seite, auch in Filmen wird oft nur sie gezeigt – und nicht die schönere Seite, die es auch gibt. Wie erklären Sie sich, dass es zwischen den Eheleuten kaum einmal Streit gibt? Ist das eine Frage des Naturells? Allahyari: Erstens das, zweitens die Liebe. Ich habe gefragt, ob sie oft miteinander gestritten haben. „Nein, wir streiten nicht“, lautete ihre Antwort. Ich glaube aber, dass es bei dieser Krankheit sehr wohl innere Aggressionen gibt. Amalia hat versucht, sie zu verbergen, aber nicht wegen der Kamera. Ferry wiederum meinte, wenn schon, dann komme Aggressivität eher von ihm. Charme und Humor dieser Frau sind unglaublich. Wie schwierig war es trotzdem, den Film mit ihr zu machen? Allahyari: Sehr. Ich wollte keine Medizin-Doku machen und nicht den Doktor spielen, also habe ich mir überlegt, dass ich einfach filme, was passiert, ohne viel nachzufragen. Selbst das gestaltete sich schwierig, denn es war zum Beispiel nicht möglich, Regieanweisungen zu geben: Wenn ich Amalia gebeten habe, im Garten von rechts nach links zu gehen, ist sie andersherum gegangen. Ich habe also nur das gefilmt, was sie wirklich von selbst tun. Das ganze Interview lesen Sie in der aktuellen FALTER.Woche und hier. |
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Anzeige | | | Besser lesen mit dem FALTER Alle zwei Wochen führt die Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb Gespräche mit Autorinnen und Autoren über das Lesen, das Schreiben und das Leben an sich. Zu Gast waren unter anderem bereits Marc Elsberg, Eva Menasse, Dirk Stermann, Birgit Birnbacher und noch viele weitere. Hier geht es zur aktuellen Folge des Buchpodcasts „Besser lesen mit dem FALTER“. |
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Frage des Tages | In der Arnethgasse 11 wurden vor rund 20 Jahren geförderte Miet- und Eigentumswohnungen errichtet. Vorher nutzte die Ottakringer Brauerei das Grundstück als Lager. Am Spielplatz erinnern noch Skulpturen daran. Was ist dort zu sehen?1. Eine Abbildung des Brauereihauses 2. Eine Abbildung von Bierflaschen 3. Eine Statue von Heinrich Plank, Gründer der Brauerei. Auflösung von gestern: Das Originalwerk, das dem Abendmahl-Mosaik in der Minoritenkirche als Vorlage diente, stammt von Leonardo da Vinci und ist im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand zu sehen (es stannt nicht von Domenico Ghirlandaio/ in San Salvatore di Ognissanti in Florenz und auch nicht von Raphael Santi/ im Petersdom im Vatikan). Wir danken Melanie Schönbichler für die Einsendung dieser Frage. |
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Events des Tages | | AUSGEWÄHLT VON GERHARD STÖGER |
| LiteraturDie von Jacqueline Kornmüller verfasste und mit Illustrationen von Kat Menschik versehene Novelle „Das Haus verlassen“ ist eine humorvoll-poetische Geschichte. Das Besondere: Als Hauptfigur tritt ein altes Feldsteinhaus in Erscheinung, das sich nicht von seiner Besitzerin trennen will. Diese würde es gern verkaufen, doch das Haus hat seinen eigenen Willen und mischt sich bei Besichtigungen ein. Buchpräsentation und Lesung. (Sebastian Fasthuber) Odeon, 19.00
TheaterBei Goethe war die „Iphigenie auf Tauris“ eine untergebene Dienerin von Göttin Diana. In Angelika Messners Version „Iphigenie“ ist die titelgebende Figur im Rotlichtmilieu gelandet, verkauft von ihrem Vater. Als Iphigenie (Michaela Kaspar) den Heiratsantrag ihres Zuhälters Thoas ablehnt, gibt er ihr zur Strafe den Befehl, zwei gefangen genommene Männer aus ihrer Heimat zu erschießen – einer der beiden ist ihr Bruder. Jon Sass an der Tuba untermalt mit düsteren Jazz-Sounds den empfehlenswerten Abend, der nun letztmals zu sehen ist. (Sara Schausberger) Tag – Theater an der Gumpendorfer Straße, 20.00 (auch 21.2., 20.00) |
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Buchtipp | David Grossman: Frieden ist die einzige Option Seit dem 7. Oktober sind vier Monate vergangen. In Tel Aviv hängen nach wie vor überall die Fotos der Geiseln. Über 100 Israelis sind immer noch im Gazastreifen in den Händen der Hamas. „Wie Schlafwandler irren wir durch die Tage und Nächte", hat der israelische Schriftsteller David Grossman in seiner Rede „Schwarzer Schabbat" nach dem Massaker der Hamas gesagt. Die israelische Regierung lehnt ein Abkommen über die Geiseln ab, weil sie ihr Kriegsziel, die Hamas zu vernichten, noch immer nicht erreicht hat. Gaza liegt in Schutt und Asche. Jeder Tag kann der letzte sein für die Israelis, die in den Tunneln unter Gaza gefangen gehalten werden. Zu kurz war die Zeit bisher und zu hektisch der Alltag, um das Trauma des Hamas-Angriffs und den neuen Krieg gegen Gaza schon literarisch verarbeitet zu haben. Um dennoch etwas zu der derzeit hitzig geführten Nahost-Debatte beizutragen, hat der Hanser-Verlag soeben ein Bändchen von Reden und Beiträgen des israelischen Schriftstellers David Grossman veröffentlicht: „Frieden ist die einzige Option." … (Tessa Szyszkowitz) Die gesamte Rezension und mehr über das Buch unter faltershop.at |
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Fragen Sie Frau Andrea | Wenn die Bißgurn pfeiftLiebe Comandantina, bevor auch die letzten österreichischen Schimpfwörter wegen der neuen Wokeness für immer auf dem linguistischen Komposthaufen enden, würde ich noch gerne die eine oder andere Herkunft erklärt haben. Zum Beispiel: Woher kommt die „Bißgurn"? Aufrichtigst Ihr Dr. Josef Dollinger, Büroleiter ORF-Peking, San Li Tun Wai Jiao Gong, Peking, E-Mail | | Der Schlammbeißer (Misgurnus) verfügt über eine ausgeprägte Darmatmung. (© Wikipedia/ George Chernilevsky) | Lieber Josef, wie so viele bestens bekannte Schimpfwörter des Wienerischen hat auch die Bißgurn (Bisguan, gemeinhin die zänkische, streitsüchtige alte Dame) zwei sprachgeschichtliche Herkünfte. Wegen der sprichwörtlichen Bissigkeit wurde sie metaphorisch, wenn auch nicht politisch korrekt mit der alten, unwirschen Stute verglichen. Wohl weil spätmittelhochdeutsch Gurre die schlechte Stute bezeichnete, das westfälische Gire schlicht die Mähre. Ob eine Verwandtschaft mit dem ursprünglich niederdeutschen Wort Gör, Göre (Mädchen), englisch girl, und dem rheinischen gor, gorich (gering, armselig) besteht, ist etymologisch noch nicht gut verstanden. War's das? Nein. Als Stadt am fischreichen Strome kannte Wien den Peitzger oder Schlammbeißer (Taxonym: Misgurnus) aus der Gattung der Schmerlen. Die Art verfügt über eine ausgeprägte Darmatmung. Der an der Oberfläche geschluckte Luftsauerstoff wird im stark durchbluteten Darm aufgenommen. Dies erlaubt dem Peitzger das gemütliche Leben auch in sauerstoffarmen Gewässern. Vor Wetterwechseln wird die Art oft unruhig und schnappt an der Wasseroberfläche nach Luft, weswegen die Peitzger auch Gewitterfurzer genannt werden. Regional sind die Fische auch als Furzgrundel bekannt, weil sie beim Ergreifen einen pfeifenden Ton von sich geben, indem sie Luft aus dem Darm entlassen. Das Wort Peitzker für den seltsamen Fisch mit den grantigen Darmwinden wurde im 14. Jahrhundert aus dem Slavischen entlehnt, wo polnisch piskorz, tschechisch piskoř, slowakisch piskor, ukrainisch pyskir, slowenisch piškur, kroatisch piškor so viel wie Pfeifer bedeuten. Daraus formte das Deutsche Beitscher, Beißker, Peitzker, und das Wienerische die Bißgurn. Schreiben Sie Frau Andrea unter dusl@falter.at. |
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