Heute, Sonntag, den 17. November, 18 Uhr, verzeichnen wir eine bemerkenswerte Zäsur in Österreichs Mediengeschichte. Zahlreiche große Accounts auf X ziehen sich von dort zurück.
Das heißt: Die Accounts bleiben stehen, werden jedoch nicht mehr mit Postings oder Reaktionen beschrieben. Sie sind sozusagen Verweser ihrer selbst, wie es bei Nestroy heißt, in Ruhestellung wartend, ob und bis sich vielleicht Veränderungen auf jenem „Sozialen Medium“ ergeben, das sich seit der Übernahme durch Elon Musk mehr und mehr als unsoziales Medium erwiesen hat.
Die Rückzugsaktion geht auf eine Initiative Armin Wolfs zurück. Der ORF-Anchorman, mit 639.489 Followern das Schwergewicht der österreichischen X-Szene, sprach sich mit FALTER-Chefredakteur Florian Klenk (348.981 Follower) und einigen anderen „Großsozialmedienmogulen“ (GSMs, um Hermes Phettberg zu zitieren) ab.
Sie werden gemeinsam zum Sozialen Medium BlueSky migrieren und hoffen, damit einerseits ein Zeichen gegen das toxisch gewordene X zu setzen und andererseits BlueSky einen solchen Zuspruchs-Schub zu verpassen, dass dieses vergleichsweise unschuldige, nicht im Eigentum eines der Tech-Giganten befindlich SM-Lämmchen mit seinem weißen Falter auf blauem Grund zu einem ungiftigen Ersatz für X werden kann.
Die GSMs folgen mit ihrer Aktion dem Beispiel des britischen Guardian, der sich ebenfalls zurückzog, ohne seinen Account zu löschen; der Guardian stellte es seinen Mitarbeitern außerdem frei, weiterhin auf X oder sonstwo tätig zu werden.
Gründe, sich von X abzuwenden, gibt es zahlreiche. Das Publikum der Seuchenkolumne weiß, dass die Sache schon länger diskutiert wird. Nicht nur hier. Die vielleicht beste Zusammenfassung der Gründe, X zu verlassen, lieferte wie so oft der exzellente Socialmedia-Watchblog (siehe unten). Der Hauptgrund für Abwendung und Rückzug liegt naturgemäß in der Person Elon Musks (204.985.248 Follower – gemessen an der Weltbevölkerung hat Armin Wolf etwa dreimal so viel Follower, relativ gesehen).
Musks widerliche Anbiederung an Donald Trump ist nur konsequent, denn Musk ist das Mega-Ego unserer Tage, wie alle Exponenten des Silicon Valley darauf fixiert, seine halbgottartige Person mit soviel Geld, Wissen und Macht auszustopfen, dass es vielleicht für die Unsterblichkeit reicht, und sei es nur für ihn, diese eine, singuläre Person.
Selbstverständlich ist für ihn, den gesalbten Soziopathen, die Lüge ein erlaubtes Mittel zum Zweck, und so behauptet er, Free Speech sei die Grundlage der Demokratie, nur um diese gehe es ihm, und nur deshalb habe er Twitter übernommen. Dass die freie Rede der Wahrheit verpflichtet sein soll, sagt er nicht. Auch nicht, dass alle öffentlich Sprechenden die gleichen Voraussetzungen haben sollten; sein Algorithmus rückt ihn selbst auf X gnadenlos in den Vordergrund. Schon gar nicht sagt er, dass Demokratie nicht nur auf Redefreiheit beruht, sondern auf der Gleichheit aller vor dem Gesetz. So ist seine Free-Speech-Behauptung die dreisteste aller Lügen.
Ich (17.418 Follower) begrüße die Rückzugsaktion und werde mich an ihr im beschriebenen Rahmen beteiligen, das heißt, ich behalte meinen X-Pelz, wasche ihn aber nicht mehr.
Wenngleich ich nicht verhehle, dass ich die Aktion der GSMs bewundere, bleibt sie dennoch eine private Aktion. Politisch wäre sie, wären die Gründe für sie breit diskutiert und politische Alternativen öffentlich zur Debatte gestellt worden. Zu berücksichtigen ist auch, dass der Rückzug der GSMs von der versammelten und von Musks Algorithmen begünstigten rechten Kamarilla als Sieg im Hegemoniekampf reklamiert werden wird.
Was in gewisser Weise zutrifft, allerdings stand der Sieg in diesem Raum schon mit Musks Übernahme fest. Auch signalisiert die Nicht-Absolutheit des Rückzugs, dass gewisse geschäftliche Interessen durchaus wenn nicht weiterhin wahrgenommen, so doch warmgehalten und für möglich gehalten werden. Alles andere gliche einem hypermoralischen Knieschuss.
Der heldenhafte Rückzug von X ist eine moralische Entscheidung, und auch sie ist, wie alles, was im Raum der digitalen Medien geschieht, weniger politisch als persönlich motiviert: in der Aversion gegen die Person Musk und im Versuch, die eigene moralische Haut zu retten. Es gibt Schlimmeres!
Hoffen wir, die Aktivitäten auf BlueSky lassen sich angenehmer an. Fortan heißt es: Folgen Sie mir auf Bluesky! Als FALTER hätte man bei dem Logo schon früher draufkommen können!
Verlieren wir dennoch das politische Ziel nicht aus den Augen. Es gibt kein Soziales Medium, das moralischen Ansprüchen genügt. Das politische Ziel kann nur lauten: Wir brauchen ein nach öffentlich-rechtlichem Prinzip organisiertes Soziales Medium im europäischen Rahmen! Amen.