An diesem heutigen Wahltag ist alles paradox.
Laut ersten Hochrechnungen hat die deutsche CDU bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern den Einzug in den Landtag geschafft. Mit mickrigen 5,3 Prozent Wählerstimmen. In Berlin verlor die Partei heftig und rutschte hinter die Linke (die Wahlbeteiligung war extrem hoch, zu den Einzelergebnissen geht es hier entlang). Von einem „Desaster” sprach Merz.
Limbodance.
Das ist einer Kanzlerpartei eigentlich unwürdig. Doch hat Kanzler Friedrich Merz heute den wichtigsten Sieg seiner Karriere eingefahren. Er hat wohl – Stand 18.51 Uhr, 20. September – seine Kanzlerschaft mit 0,3 Prozentpunkten über der 5-Prozent-Hürde gerettet: Das ist Paradoxon I.
Trotzdem markiert dieser 20. September 2026 den Anfang vom Ende des deutschen Bundeskanzlers: Paradoxon II.
Aber Paradoxon III: Vielleicht ermöglicht ausgerechnet diese Niederlage dem Kanzler, Historisches zu leisten.
Politisch ist Merz eigentlich Geschichte. Die vergangenen Wochen – und vor allem die Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt – hat der deutsche Bundeskanzler nur überlebt, weil ihm letztlich alle acht CDU-Ministerpräsidenten in einem Brief ihre Geschlossenheit versicherten.
Die Genese dieser Erklärung? Unklar. Die einen sagen, Merz habe sie eingefordert. Die anderen sagen, Gordon Schnieder, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, habe sie sich während einer Auslandsreise im Hotel im polnischen Opole ausgedacht und anschließend in die einschlägigen WhatsApp-Gruppen eingespeist.
So oder so: Die Männer – CDU-Ministerpräsidentinnen gibt es derzeit nicht – handelten aus Staatsraison. Nicht aus Vertrauen zu Merz. Merz hatte ein Ende der Ära Merkel versprochen, seiner ganz persönlichen Nemesis. Strenger wollte er führen, schneller durchsetzen, Kante zeigen. Der Mann, der drei Anläufe brauchte, um an die Spitze der CDU zu kommen, und zwei Anläufe für den Sprung ins Kanzleramt, hat zu viele personelle und vor allem handwerkliche Fehler gemacht.
Merkel regierte vier Amtsperioden lang.
Bei Merz wird eine 1 stehen.
Das aber verschafft ihm jetzt vor allem eines: Luft.
Jetzt, wo er nicht mehr an seiner persönlichen politischen Zukunft arbeiten muss, kann er sich um die angeschlagene allgemeine Gegenwart kümmern. Er kann in Deutschland die dringend notwendigen Reformen bei Rente und Gesundheit anstoßen, Voraussetzungen für einen Wirtschaftsaufschwung schaffen und Deutschland gleichzeitig als stabilen Anker in der EU positionieren – mit funktionierenden Achsen nach Kiew und Washington.
Er kann der Reformkanzler werden, der er immer sein wollte. Eben weil er seine Person in den Hintergrund stellt.
In Berlin glauben viele daran, dass Merz in Bälde nicht den Kanzler, aber den CDU-Vorsitz abgeben wird. Das wäre ein erster Schritt. Im Konrad-Adenauer-Haus, dem Parteisitz der CDU, könnte dann bis 2029 ein neuer Kanzlerkandidat heranreifen. Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen steht bei den politischen Buchmachern derzeit hoch im Kurs.
Das Verfassungssystem in Deutschland – und im Übrigen auch in Österreich – ist auf Koalitionen ausgelegt. Sie arbeiten immer auf der Grundlage von Kompromissen. Aus einer Position der Stärke heraus ist der Kompromiss schlagkräftig. Weil er Tatkraft beweist, und die Reihen schließen kann. Aus einer Position der Schwäche heraus ist er eine unpräzise Waffe, die überall trifft, wo es nicht wehtun sollte.
Hierin liegt eines der größten machtarithmetischen Probleme ehemals großer Parteien. Sie stecken in ungewollten Zweckbündnissen, mit marginalen Mehrheiten Die eigene Schwäche hat sich in die Regierungsprogramme eingeschrieben: Für jeden Punkt musste man mehrere andere abgeben.
Die Zusammenarbeit verläuft holprig, weil jeder Koalitionspartner auf den Fehler des anderen wartet. Weil er dem anderen jede positive Schlagzeile missgönnt. Weil die Umfragen das mühselige Ausverhandeln von Maßnahmen nicht goutieren.
Für die Leute kommt am Schluss zu wenig Bahnbrechendes heraus. Was bei ihnen übrig bleibt: Gemurks. Die Basis und einzelne Parteiflügel fordern sodann mehr Akzente, mehr Härte, mehr „pur“. Sie übersehen, dass das die eigene Macht mehr als übersteigt.
Nur ein Beispiel: Solange die SPÖ nur 21 Prozent in die Dreierkoalition einbringt, wird sie die Erbschaftssteuer nicht durchsetzen. Die politische Dialektik versagt hier leider. Es kommt nicht zur Synthese, sondern zur Antithese.
Die Großparteien verwischen sich im Kompromiss – ausgerechnet in jenem Kompromiss, der eigentlich ihr Ordnungsprinzip ist. Die Rechtaußenparteien, die an keinem Kompromiss whatsoever interessiert sind, kratzen an der absoluten Mehrheit. Und müssen sich dann irgendwann mit gar niemandem mehr absprechen.
Friedrich Merz – und in ähnlicher Konstellation Christian Stocker in Österreich – könnte dem entgegenwirken. Er könnte das Land vor seine Person reihen. Eine Art: “Ich gebe alles. Und dann ist Schluss”. Denn wer keine Umfragen mehr fürchten muss, kann das Wesentliche über das Wünschenswerte stellen.
Vielleicht ist genau das die letzte paradoxe Chance dieses Wahltages: Merz wird Eingang in die Geschichte finden, wenn es nicht mehr um ihn gehen wird. Und wer weiß – es ist nicht ausgeschlossen, dass die Wähler genau das auch gut finden werden.