Das Gasthaus Koci in Wien-Inzersdorf hat die Speisekarte schon ganz auf herbstlich getrimmt. Aber zu den gebackenen Kürbisspalten bin ich gestern leider nicht mehr gekommen. Nach einem Soda-Zitron war der Abend für mich vorbei. Im Koci referierte gestern der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Gerald Hauser auf Einladung des FPÖ-Bildungsinstituts über eine "Gesundheitsdiktatur"der Weltgesundheitsorganisation WHO, die uns angeblich droht.
Was genau da droht, wollte er allen etwa sechzig Besuchern im Wirtshaussaal erzählen - mir aber nicht. Etwa zehn Minuten hat es gebraucht, bis die FPÖ-Funktionäre die Journalistin bei dieser öffentlichen Veranstaltung entdeckten. Dann erklärte der FPÖ-Bezirkschef von Liesing: "Journalisten sind hier verboten" und berief sich auf sein "Hausrecht, zu entscheiden, wer hier zuhören darf". Die Medien würden nicht objektiv berichten, "deshalb wollen wir keine Medienvertreter hier haben, um die Privatsphäre der FPÖ-Mitglieder zu schützen".
Strategisch durchaus nachvollziehbar, dass die FPÖ in keiner Zeitschrift außerhalb ihrer Verschwörerblase lesen will, was bei solchen Veranstaltungen vorgetragen wird. Schließlich glaubt der Freiheitliche Hauser tatsächlich, dass uns die WHO in eine Diktatur führen werde. "Der WHO-Generaldirektor könnte einfach so eine Pandemie ausrufen", sollte der Pandemievertrag, der derzeit zwischen den WHO-Mitgliedsstaaten verhandelt wird, in Kraft treten, sagte Hauser vor kurzem in einem Interview.
Aus Sicht der Pressefreiheit ist es aber durchaus unüblich, dass Journalistinnen und Journalisten aus einer öffentlichen Veranstaltung einer Parlamentspartei herauskomplimentiert werden. Aber die Freiheitlichen und die Pressefreiheit, das war noch nie eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. Schon der frühere FPÖ-Chef Jörg Haider drohte im Jahr 1993: "Wenn ich etwas zu reden habe, wird in den Redaktionsstuben in Zukunft weniger gelogen."
Immer wieder behindert die FPÖ Medien, deren Berichterstattung aus blauer Sicht zu kritisch ist, bei der Arbeit. Bei der Wienwahl 2015 hatte es mich schon einmal erwischt. Damals durfte ich als einzige Journalistin das Festzelt der Freiheitlichen am Wahlabend nicht betreten. Die Weisung, so erzählte mir ein Security damals, kam direkt vom damaligen FPÖ-Generalsekretär und heutigen FPÖ-Chef Herbert Kickl. Eine Delegation der rechtsextremen deutschen NPD empfingen die Freiheitlichen damals hingehen gerne.
Als Kickl Innenminister war, schickte sein Haus eine Mail an die Kommunikationschefs der Landespolizeidirektion, die Kommunikation mit Medien, die kritisch über das Innenministerium berichten (namentlich genannt wurde unter anderem der FALTER) "auf das nötigste (rechtlich vorgesehene) Maß zu beschränken".
2019 sprach der ORF-Anchorman Armin Wolf den FPÖ-Europapolitiker Harald Vilimsky in einem Interview auf von der FPÖ-Jugend in der Steiermark veröffentlichte Karikaturen an, die Parallelen zu antisemitischen Karikaturen der NS-Zeit aufweist. Daraufhin drohte ihm Vilimsky in der Livesendung, dieses Interview könne nicht ohne Folgen bleiben. Eine gefährliche Drohung, schließlich war die FPÖ damals Regierungspartei.
Zuletzt geriet der ORF-Satire-Journalist Peter Klien ins Visier der Freiheitlichen. Er wurde beim FPÖ-Herbstfest im steirischen Hartberg von einem freiheitlichen Security in den Schwitzkasten genommen.
Immerhin: Ich konnte die FPÖ-Veranstaltung über eine angebliche Gesundheitsdiktatur völlig unversehrt verlassen. Nur mein (noch nicht serviertes) Soda-Zitron konnte ich nicht mehr bezahlen. Liebes Gasthaus Koci, bitte die Rechnung an die FPÖ Liesing schicken!