⛰Wird Herbert Kickl gefragt, ob es den Klimawandel gebe, holt er weit aus. Es gebe erst seit 1870 Wetteraufzeichnungen, und damals habe sich eine Eiszeit auf ihrem Höhepunkt befunden. Aber es sei auch schon einmal ganz anders gewesen: "Oder glauben Sie, der Hannibal wäre mit seinen Elefanten durch Schnee und Eis über die Alpen gekommen?" Dass sich jetzt wieder etwas verändere, bestreite niemand, erklärte der FPÖ-Chef...
FALTER.natur - Der Nachhaltigkeits-Newsletter
Guten Tag,
Foto © Heribert Corn

Wird Herbert Kickl gefragt, ob es den Klimawandel gebe, holt er weit aus. Es gebe erst seit 1870 Wetteraufzeichnungen, und damals habe sich eine Eiszeit auf ihrem Höhepunkt befunden. Aber es sei auch schon einmal ganz anders gewesen: "Oder glauben Sie, der Hannibal wäre mit seinen Elefanten durch Schnee und Eis über die Alpen gekommen?"

Dass sich jetzt wieder etwas verändere, bestreite niemand, erklärte der FPÖ-Chef einmal bei oe24.tv: "Die Frage ist nur, wie groß ist der Anteil, den der C02-Ausstoß an diesen Veränderungen hat." Es gibt wenige Fragen, in denen die Wissenschaft sich so weitreichend einig ist wie darüber, dass der Klimawandel menschengemacht ist – doch während schon alles brennt oder in den Fluten versinkt, wünscht Kickl sich "eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung". "Gegenwärtig (…) wird ein Dogma einzementiert, und wenn du daran nicht glaubst, dann verfolgen sie dich wie bei der Inquisition."

Klimaschutz soll Menschen "gefügig machen"

Den Weltklimarat, bei dem Wissenschafter*innen aus der ganzen Welt regelmäßig den neuesten Kenntnisstand zum Klimawandel zusammentragen, bezeichnet Kickl als "Glaubenskongregation", Klimaaktivist*innen als "Terroristen". Laut seiner bisherigen Vize-Klubobfrau Susanne Fürst, nunmehr im Koalitions-Verhandlungsteam, wollen "die grünen Herrschaften unsere freiheitliche Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umbauen. Durch Zuweisung von CO2-Kontingenten etwa lässt sich jeder Mensch völlig kontrollieren und gefügig machen" – im Vergleich dazu "war wohl die DDR ein Paradies". Mit Barbara Kolm zieht nun überdies eine Frau ins Parlament ein, deren Hayek-Institut schon die internationale Elite der Klimawandelleugner nach Wien holte.

Auch wenn es noch Monate bis zu einer neuen Regierung dauern kann, eines ist klar: Der Stellenwert von Umwelt- und Klimaschutz – die nichts Anderes als den Schutz von Menschen bedeuten – wurde mit dieser Wahl massiv geschwächt. Der stärksten Partei, der FPÖ, könnte die Klimakrise egaler nicht sein; sie nützt sie, um ihr Narrativ von den bösen Eliten (vor allem aus Brüssel) zu bedienen, die den kleinen Leuten alles wegnehmen und vorschreiben wollen. In den letzten Jahren stimmte sie gegen alles, was "grün" roch: gegen das Erneuerbare-Ausbau-Gesetz, gegen die C02-Steuer ("eine reine Strafsteuer"), gegen den Klimabonus, gegen das Umweltförderungsgesetz.

Auch für die zweitstärkste Partei, die ÖVP unter Karl Nehammer, ist Klimaschutz bloß das, was der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) einmal "Gedöns" genannt hat: Nett, aber unwichtig. Und die Grünen als einzige Partei, für die der Klimawandel Priorität hat, finden sich massiv dezimiert wieder.

Was also ist von der nächsten Regierung zu erwarten? 

Bei einer Koalition zwischen FPÖ und ÖVP hätte Kickl bei Umweltfragen wenig Widerstand zu erwarten. Die Volkspartei ging hier in der vergangenen Legislaturperiode mehr oder weniger murrend mit den Grünen mit oder legte sich überhaupt quer (so geschehen beim Klimaschutzgesetz und bei verbindlichen Bodenschutzzielen; für die EU-Renaturierungsverordnung stimmte die Grüne Umweltministerin Leonore Gewessler in Brüssel gegen den Willen der ÖVP). Im Wahlkampf betonte Nehammer, es brauche "Klimaschutz mit Hausverstand", Österreich als kleines Land könne nicht viel bewirken und das Problem müsse durch Technologie gelöst werden. Fast alles auf einer Linie mit Kickl – außer beim Bodenschutz, da will auch dieser verpflichtende Ziele (sieht aber nicht etwa Einkaufszentren und Straßen als problematisch, sondern Windräder). 

Ähnlich ist es beim Verkehr: Obwohl der einzige Sektor in Österreich, der immer noch mehr Emissionen verursacht als im Jahr 1990, propagierte Nehammer das "Autoland Österreich" als zentralen Punkt seines Zukunftsplans. Außerdem fordert die ÖVP "Technologieoffenheit" statt ein Ablaufdatum für Verbrenner: Man solle schauen, welche Form des alternativen Antriebs sich durchsetzt. Dabei haben die Autohersteller selbst längst die Weichen auf E-Mobilität gestellt. Für den Grazer Klimapsychologen Thomas Brudermann ist dies eine typische Ausrede: "Wer von Technologieoffenheit redet, meint eigentlich, dass man fossile Treibstoffe oder Brennstoffe nicht ganz so schnell loswerden will". Genau gleich will auch Kickl an den Verbrennern festhalten.

Eigeninitiative im Kampf gegen den "sogenannten Klimawandel", wie Kickl gern sagt, ist bei dieser Paarung also nicht zu erwarten. Aber auch eine solche Regierung wird sich dem Zug der Zeit nicht völlig entziehen können: Schließlich ist Österreich in der EU. Bis 2030 will diese die Emissionen um 55 Prozent senken, andernfalls drohen Strafzahlungen. Nur weil eine Regierung in Wien kein Enddatum für Verbrenner will, wird es das nicht spielen, und auch das Renaturierungsgesetz ist nun mal beschlossen, Ösi-Wut hin oder her. Sehr wohl kann eine steigende Zahl rechter Regierungen in Europa die Green-Deal-Ambitionen der Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen (noch mehr) bremsen: Am Mittwoch wurde etwa bekannt, dass die EU-Entwaldungsverordnung um ein Jahr verschoben werden soll. Unter Blau-Schwarz würde es also sehr langsam vorangehen – zu langsam.

Progressiver ginge es bei einer Regierung von ÖVP und SPÖ  - eventuell gemeinsam mit den Neos - zu. Den Roten ist zunehmend bewusst, dass die Klimakrise sozial Schwächere besonders trifft, sitzen sie doch eher in heißen Wohnungen oder Produktionshallen und können eher nicht auf Klimaanlage, Pool oder Zweithaus im Grünen ausweichen. Andreas Babler pocht daher auf das überfällige Klimaschutzgesetz, einen 20 Milliarden Euro schweren Fonds für den ökosozialen Umbau der Wirtschaft sowie eine Joboffensive für "grüne" Jobs.

Gleichzeitig ist die Partei bei vielen dieser Fragen gespalten: wenn etwa das Pendlerpauschale angeknabbert werden soll, oder beim Bodenschutz, wo sich die Bundesländer und Gemeinden nicht dreinreden lassen wollen. Einige prononcierte Forderungen haben auch die Neos: Klimaschädliches Verhalten wollen sie deutlich höher besteuern und dem Flächenfraß soll es an den Kragen gehen. 

Eines darf man aber nicht vergessen: Klima und Umwelt zählen weder für die SPÖ noch für die Neos zum Markenkern, den sie in Regierungsverhandlungen mit Zähnen und Klauen verteidigen würden.

Umso mehr werden in den nächsten Jahren Wissenschaft und Zivilgesellschaft gefordert sein, sich in die Debatte einzumischen. Leider ist damit zu rechnen, dass auch weitere Extremwetterereignisse das Thema immer wieder auf die Tagesordnung zwingen werden. Egal ist dieses auch der Wählerschaft von ÖVP und FPÖ nicht, wie eine neue Umfrage des Klima-Thinktanks Kontext zeigt.

Nach dem Hochwasser machte ein Interview eines Mannes mit Puls24 die Runde, dessen Familie alles verloren habe. "Jetzt hat uns das aufgezeigt, was Renaturierung heißt", sagte er. "So wie die Gewessler sagt. Auch wenn ich kein Grüner bin, ich bin normal ein Blauer, aber da haben's recht, die Grünen." Klar ist für ihn auch: "Die nächste Welle kommt sicher."

Bild von Gerlinde Pölsler
Ihre Gerlinde Pölsler

Anzeige

Anzeigenbild

Bodenschutz

Bodenschutz ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Mit einem Blick auf innovative Lösungsansätze und die Rolle der Raumplanung zeigt Gernot Stöglehner im Buch Rettet die Böden auf, wie Bodenschutz gelingen kann. Für Ernährungs- und Rohstoffsicherheit sowie den Schutz der Biodiversität.

Erhältlich auf faltershop.at


Good Vibes

... können wir momentan alle brauchen. Auf die Ohren gibt's die neuerdings jede Woche im FALTER Natur-Podcast. Vergangene Woche analysierte Katharina Kropshofer dort mit Katharina Rogenhofer, Leiterin des Kontext-Instituts für Klimafragen, wie Natur und Klima im Wahlkampf (nicht) vorkamen.

Diese Woche erkundet Kropshofer, wie sich die Klimakrise auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Dafür ging sie mit den Pollenexperten Katharina und Maximilian Bastl spazieren und sprach mit Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Was sie herausfand: Allergiker*innen könnten ein geringeres Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Hier gehts zur ganzen Folge!


Die Rechten und die Klimafrage

Was ist das mit den Rechtspopulist*innen und dem Klima, warum reagieren sie geradezu allergisch darauf – oder tun zumindest so? Ulrich Brand, Politikwissenschafter an der Uni Wien, analysiert das auf Ö1 so: Sie würden mit Erfolg Angst vor Veränderung und damit sozialem Abstieg etwa im Zusammenhang mit der Energiewende ansprechen. Dazu komme die "Petromaskulinität", also ein Konzept von Männlichkeit, das ohne dickes Auto, viel PS und Fleischverzehr nicht auskommt. Das Buch "Kapitalismus am Limit" von Ulrich Brand und Markus Wissen können Sie hier bestellen, das Buch des zuvor erwähnten Thomas Brudermann – "Die Kunst der Ausrede" – hier.

"Entscheidet der Hurrikan 'Helene' die US-Präsidentschaftswahl?", fragte diese Woche der Spiegel. Er dürfte "der heftigste sein, der seit Menschengedenken das US-Festland erreicht hat" – und ist beherrschendes Wahlkampfthema.

Schadet er also Donald Trump? Mitnichten, schreibt der Spiegel: "Sonst leugnet Trump den Klimawandel, jetzt wirft er der Biden-Regierung vor, zu 'schlafen', nicht schnell genug zu reagieren, sich nicht um die Sturmschäden zu scheren. ... Die ersten Fernsehbilder in der Krisenregion gehören Trump, und auf Bilder kommt es an in diesem Wahlkampf." Mehr dazu hier (Paywall).


Welttierschutztag

Heute begehen wir den Welttierschutztag, Baustellen gibt es mehr als genug. Die Haltung sogenannter Nutztiere, Tiertransporte und Qualzucht etwa - diese drei Punkte nennen die Österreicher*innen in einer neuen Umfrage von Vier Pfoten auch als wichtigste Tierschutzanliegen. Der Verein gegen Tierfabriken appellierte schon gestern an die zukünftige Bundesregierung, endlich die Vollspaltenböden zu verabschieden. Und der Verein Pfotenhilfe berichtet, man fühle sich oft "wie im Mittelalter". Erfreuliches zeigt der heute vergebene Tierschutzpreis des Landes Steiermark, bei dem etwa eine Streunerkatzenhilfe und der "Huchenfranz" abräumten.

Anzeige

Anzeigenbild


Das Handbuch, verfasst von den angesehensten und erfahrensten Journalist:innen und Expert:innen Österreichs zu allen Mediengattungen in über 50 Beiträgen, ist das ideale Lehrbuch für den Berufseinstieg und perfekt für alle, die wissen wollen, wie Medien arbeiten.

Erhältlich auf faltershop.at


Wolf und unfreiwillig Invasive

Vorvergangene Woche tat die EU-Kommission etwas, was Naturschützer*innen lange nicht für möglich gehalten hätten, die ÖVP und viele Landwirt*innen aber jubeln lässt: Sie brachte eine Absenkung des Schutzstatus für den Wolf auf den Weg."Ein gehöriger Dämpfer für die Wolfsromantiker", frohlockte der Tiroler VP-Abgeordnete Franz Hörl. Der WWF dagegen sieht "einen populistischen Angriff auf den Artenschutz". Wer hat Recht, fragt Ralf Waldhart und hat dafür eine Bäurin mit Alm und Kühen in Bad Mitterndorf im Ausseerland porträtiert.

Peter Iwaniewicz berichtet von der "zur Invasion gezwungenen" Blauen Schwimmkrabbe, auch bekannt als "Schmackhafter Schwimmer", und über die Initiative "If you can't beat them, eat them". Titel seiner Kolumne: "Esst die Ausländer!"


Ich muss raus!

Nicht überall ist die Natur abgemeldet, im Gegenteil: Sie können sich auf haufenweise Veranstaltungen flüchten. In Graz startet heute zum 5. Mal das Klimakulturfestival "Markt der Zukunft". Falter-Kolumnist Peter Iwaniewicz hat hier indirekt einen Auftritt, performt doch das Theater im Bahnhof die "Pressekonferenz der Tiere", basierend auf Iwaniewicz´ Tierinterviews wie etwa dieses, in dem er Wolf und Mutterschaf zum "klärenden Streitgespräch" lud (Volkskundemuseum am Paulustor, Sa. 16:00 Uhr).

In Linz eröffnet heute WeFair, eine Nachhaltigkeitsmesse mit rund 150 Ausstellenden aus Fair Fashion, Bio-Ernährung und Öko-Lifestyle.

Bundesweit lädt morgen, Samstag, wieder die Lange Nacht der Museen zum abendlichen Entdecken (18-24 Uhr) - und Naturfans finden vielfältigstes Angebot. Da gibt etwa das Naturhistorische Museum Wien Einblicke in seine wissenschaftlichen Sammlungen.

Das Graz Museum hat einen Stadt-Natur-Workshop für die ganze Familie (18-21 Uhr), im Grazer Kunstverein rotor ist die Ausstellung Wilde Winkel zu sehen. Die Hermannshöhle in Kirchberg am Wechsel, das wichtigste Fledermaus-Winterquartier Niederösterreichs, bietet eine Führung bei Kerzenlicht.


Mehr Podcasts

Immer ein guter Tipp ist auch "Weltaufgang - Der Good News Podcast". Hier empfehle ich besonders die Folge "Unlearn CO2" mit Manuel Kronenberg, Co-Gründer der Treibhauspost: Dieser Newsletter bringt jeden zweiten Samstag konstruktive und motivierende Beiträge rund ums Klima. Und das Buch "Unlearn C02" können Sie hier bestellen.

Schließlich noch der schnelle Laune-Heber: die Tagespresse, etwa "Gegen Klima-Hysterie: Wetterbericht in Kooperation mit FPÖ-TV" oder "Gibt kein Hochwasser": Kickl geht joggen".


Wie fanden Sie diese Ausgabe?
Nur durch Ihr Feedback können wir unseren Newsletter verbessern.

Sehr gut | Gut | Weniger gut | Schlecht

FALTER.natur Logo
Das FALTER-Abo bekommen Sie hier am schnellsten: abo.falter.at
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Ihnen gefällt, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.
Unser FALTER.natur-Archiv finden Sie auf falter.at/natur.
Sie wollen in unserem Newsletter Werbung schalten? Alle Informationen finden Sie hier.
Teilen via FacebookTeilen via BlueskyTeilen via E-MailTeilen via WhatsApp
Sie sind bei unserem Newsletter mit folgender E-Mail-Adresse eingetragen: karlheinz@zeiner.at

Profil und Newsletter-Abos verwalten

Von allen Newslettern abmelden

Medieninhaber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Str. 9, 1011 Wien
FB: 123082d HG Wien
Impressum/Offenlegung
Datenschutz