"Wir wollen, dass so viele Leute wie möglich aus dem Ausland davon erfahren", sagt Judit Gárdos am Telefon. "Weil wir befürchten, bald nicht mehr frei forschen zu können." Gárdos ist Soziologin und am HUN-REN beschäftigt. Es ist das größte Forschungsnetzwerk Ungarns und versammelt Institute unterschiedlicher Disziplinen. Gárdos ist eine von 672 Wissenschaftlern der HUN-REN, die sich mit einer Petition gegen ein neues Gesetz wehren.
Die Fidesz-Regierung plant, das HUN-REN umzustrukturieren."Wir werden privatisiert, eine stiftungsähnliche Organisation soll das Netzwerk leiten. An deren Spitze stehen sieben Kuratoriumsmitglieder, die von Premier Viktor Orbán oder seinem Minister ernannt werden", erklärt Gárdos. Und sie befürchtet: "Diese sieben Menschen könnten bestimmen, was wir beforschen sollen und was nicht."
Diese Angst kommt nicht von ungefähr. Seit einigen Jahren privatisiert die ungarische Regierung die Unis des Landes. Orbán überführte dazu staatliches Eigentum in Vermögensverwaltungsstiftungen, die über das Geld der Unis verfügen. In den Kuratorien sitzen Orbán-treue Unternehmer und Loyalisten. Kritiker an den Universitäten sprechen von "Strohmännern", mit der die Regierung die Bildung kontrolliert.
Zum Beispiel Zsolt Hernádi, Chef des teilstaatlichen Öl-Konzerns MOL. Seit 2021 leitet er das Kuratorium der Budapester Corvinus Universität, befürwortet öffentlich Orbáns Politik und kritisiert Sanktionen gegen Russland. Sein Ölkonzern ist nach eigenen Angaben zu 60 Prozent vom russischen Markt abhängig. MOL ist außerdem Geldquelle eines Fidesz-Flaggschiffs: des Mathias Corvinus Collegiums, eine Kaderschmiede und Denkfabrik Orbáns. Das Collegium besitzt mehr Geld als alle öffentlichen Unis in Ungarn zusammen.
Orbán legt Wert auf die akademische Welt. "Nicht unbedingt finanziellen Wert – die ungarischen Unis sind unterfinanziert", sagt Gárdos. "Es geht Orbán eher um ideologische Kontrolle. Darum, Macht über Institutionen zu haben, wo junge Menschen geformt werden."
Sollte das Gesetz das Parlament passieren, befürchten die Forscher noch etwas anderes. Die EU hat aufgrund der Uni-Privatisierungen bereits Sanktionen verhängt. Ändert die ungarische Regierung nicht ihre Pläne, fließt weiter kein europäisches Geld an ungarische Forschungseinrichtungen. Verstößt das neue Gesetz gegen EU-Konditionen, könnte das auch für das Forschungsnetzwerk HUN-REN gelten.
In einer offiziellen Stellungnahme auf der Website relativiert der Präsident von HUN-REN, Neurowissenschafter Balázs Gulyás. Die Mittel des Netzwerks würden dank des neuen Gesetzes um 43 Millionen Euro erhöht, was sich in höheren Löhnen und mehr Freiheit der Mitarbeiter niederschlage. Mit der Privatisierung der Unis seien die Pläne nicht vergleichbar. "Das wichtigste Entscheidungsgremium von HUN-REN ist nach wie vor der Lenkungsausschuss, dessen Mitglieder mehrheitlich aus Praktikern der Wissenschaft ausgewählt werden", so Gulyás.
Was Soziologin Judit Gárdos nun befürchtet? "Eine Situation, in der man uns zum Beispiel vorschreibt, zur Frage zu forschen, wie noch mehr Kinder geboren werden können. Und nicht mehr zu Korruption und autoritären Regimen."